Vernünftiger Gottesdienst
Bericht
von der Jahrestagung 2026 im Schloss Herborn
vom 25. bis 27. September 2026
Der rückläufige kirchliche Gottesdienstbesuch und die gleichzeitige Austrittswelle der Kirchenmitglieder in Deutschland dürften einen von vielen Gründen in den Gottesdiensten haben, welche die Menschen nicht mehr wie früher berühren. Es scheint einer neuen Art „vernünftigen Gottesdienstes“ zu bedürfen, um den Gottesdienstbesuch attraktiver zu machen; eines Gottesdienstes, der die Menschen mit ihren Fragen, Problemen, Hoffnungen und Sehnsüchten gezielter erreicht.
Wie aber sollte ein solcher Gottesdienst aussehen? Wie könnte die Botschaft Jesu die Menschen unserer Zeit wieder ansprechen? Das sind einige der Fragen, welche die Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum in Herborn zu beantworten suchte.
Ausgangspunkt des Themas war ein Text des Apostels Paulus, der in seinem Brief an die Gemeinde zu Rom von einem „vernünftigen Gottesdienst“ sprach (Röm 12,1).
Was meinte Paulus damit? Und wie sollten wir es verstehen? Wie sollte heutzutage ein „vernünftiger Gottesdienst“ aussehen?
Der Tagungsort der Jahrestagung war das im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis gelegene Theologische Seminar im Schloss Herborn, das bereits im 13. Jahrhundert erbaut wurde und einen schönen Ausblick auf die Stadt Herborn bietet. Wer zwischen den Vorträgen und Diskussionen etwas Zeit erübrigen konnte, lief hinunter in die attraktive Altstadt mit ihren malerischen Gassen, ihrer lebhaften Fußgängerzone und den vielen restaurierten Fachwerkhäusern.
Nach der Begrüßung am Freitagabend durch Prof. Stefan Claaß, den ehemaligen Direktor des Theologischen Seminars der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, und einer Einführung durch Prof. Dr. Werner Zager, den Präsidenten des Bundes, erläuterte Dr. Michael Großmann in einem ersten Vortrag den Begriff der „Vernunft“ aus philosophischer Perspektive. Dieses deutsche Wort sei nur schwer in andere Sprachen zu übersetzen. Ist Vernunft eigentlich eine Fähigkeit oder eine Eigenschaft? Und geht es dabei eher um eine objektive oder um eine subjektive Vernunft? Schließlich: in welchem Verhältnis stehen Vernunft und Verstand zueinander? Großmann diskutierte die Auffassungen von Descartes, Blaise Pascal, Spinoza, Leibniz, John Locke und David Hume, um dann etwas länger bei Immanuel Kant zu verweilen, der als das „Nadelöhr“ in der Geschichte der Vernunft gelte. „An Kant kommt niemand vorbei.“
Kant war wohl der Erste, der die Vernunft sachlich gegen den Verstand abzugrenzen versuchte. Verstand fragt danach, was wir erkennen können. Die Vernunft indes quält uns mit ganz grundlegenden Fragen, darunter auch die Frage nach Gott. Der Verstand ordnet die Erfahrung; die Vernunft sucht nach dem Ganzen der Wirklichkeit und nach ihren letzten Gründen.
Wichtiger als die metaphysischen Fragen, welche die Vernunft letztlich nicht zu beantworten vermag, war für Kant jedoch die Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Vernunft. Letztere erkennt, „dass die unbedingte Forderung der Sittlichkeit die Existenz der Freiheit erfordert, und dass es weiter eine Forderung der Gerechtigkeit darstellt, dass die Seele unsterblich ist und Gott am Ende Sittlichkeit und Glückseligkeit miteinander vereint …“.
So wichtig Kant für die Vernunftgeschichte war: ihm ist auch heftig widersprochen worden. Das Vernunftprojekt der kantischen Aufklärung wurde etwa von den Romantikern infrage gestellt, die der Vernunft das Gefühl entgegensetzten. Vernunft und Gefühl wurden zuweilen mit „männlich“ und „weiblich“ etikettiert. In vielen Bereichen spielt die Vernunft kaum eine Rolle, so etwa in der Kunst oder in der Moral. Das meinte jedenfalls Arthur Schopenhauer. Und für Friedrich Nietzsche ließ sich die Vernunft nur noch in Anführungszeichen setzen, gehe es doch weniger um Wahrheit als um den Willen zum Leben. Nietzsche sei der Verfechter eines ständigen Perspektivenwechsels gewesen, so Großmann. Er habe nahezu alles behauptet und zugleich das Gegenteil davon (so Giorgio Colli).
Großmann ging dann noch auf Kafka, Heidegger, Wittgenstein, Max Weber und Karl Popper ein. Besonders kritisch gegenüber der aufklärerischen Vernunft äußerten sich die Verfechter der Kritischen Theorie, die einerseits das Scheitern der Aufklärung beklagten, andererseits aber doch die Vernunft retten wollten.
Im Zuge eines Fazits enthielt sich Großmann zwar einer eindeutigen Definition von Vernunft, wollte aber gleichwohl nicht darauf verzichten, sie anzustreben. Er endete seinen Vortrag mit einem Satz von Marie von Ebner-Eschenbach: „Vernunft annehmen kann niemand, der nicht schon welche hat.“
Die Andacht am Samstagmorgen hielt Dr. Eberhard Pausch vom Hessischen Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales. Er befasste sich mit der Erzählung von der Stillung des Sturms. Die Geschichte sei Inbegriff für die Nachfolge Jesu, heißt es doch gleich zu Beginn: „Und er stieg in das Boot und seine Jünger folgten ihm.“ (Mt 8,23) Normalerweise befinden wir uns im Alltag in ruhigem Fahrwasser, so Pausch; aber gelegentlich geraten wir doch in Not und rufen in den Stürmen und Krisen des Lebens zuweilen nach Gott („Herr, hilf, wir verderben“).
Im Matthäus-Evangelium wird vom „Kleinglauben“ der Jünger gesprochen, bei Markus gar von ihrem abwesenden Glauben. Glaube an Gott in der Nachfolge Jesu, so Pausch, sei die Gewissheit, dass ich inmitten noch so schwerer Erschütterungen getragen und behütet bin, so wie es u.a. der Psalm 23 verheißt, der zum Schluss der Andacht in einer der Sturmstillungsgeschichte angepassten Variante gemeinsam gelesen wurde: „Der Herr ist mein Lotse, ich werde nicht stranden. Er leitet mich auf dunklem Wasser und führt mich auf der Fahrt des Lebens. Und geht es auch durch Unwetter und stürmische See, fürchte ich mich nicht. Du beschwichtigst die Wellen und glättest die Wogen, und ich werde Ruhe finden in deinem Hafen immerdar.“
Prof. Dr. Werner Zager befasste sich in seinem anschließenden Vortrag mit Römer 12,1 f., wo Paulus vom „vernünftigen Gottesdienst“ spricht. Das Wort, das Luther mit „vernünftig“ übersetzte, lautet im Griechischen logikós, von dem wir auch das Wort „logisch“ ableiten. Das Wort für „Gottesdienst“, das Paulus verwendet, lautet latreía, was in dem Wort „Idolatrie“ auftaucht. Dem Wort hafte, so Zager, noch die Vorstellung eines kultischen Opfers an, obwohl die Christen den jüdischen Opferkult für obsolet erklärten, weil Jesus das ultimative Opfer dargebracht habe, sodass es keiner Tieropfer mehr bedurfte.
Schon im Alten Testament war der Opferkult kritisiert worden. In den Testamenten der zwölf Patriarchen ist davon die Rede, dass bei einem „vernünftigen Opfer“ kein Blut vergossen werde. Philo von Alexandria zufolge geht es beim Besuch des Tempels weniger um die vom Priester dargebrachten Tieropfer, als vielmehr darum, „sich selbst als Opfer darzubieten“ – womit wir uns bereits ganz in der Nähe von Röm 12,1 befinden. Gott lege weniger Wert auf die Menge der geschlachteten Tiere, so Philo, als vielmehr auf die Reinheit der Opfernden.
Auch auf die Stoiker wies Zager hin, die den Tempel für unnütz hielten, und als den „rechten Tempel“ die menschliche Innerlichkeit verstanden. Das ganze Leben gelte als Gottesdienst. So ähnlich denn auch Paulus: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Röm 12,2)
Werner Zager durchstreifte sodann die Auslegungsgeschichte des paulinischen Textes. Luther stelle dem unvernünftigen Gottesdienst von Tieren und Opfern den vernünftigen Gottesdienst der Christen gegenüber, die doch selbst „Tempel Gottes“ sein sollten (1Kor 3,16). Johannes Calvin zufolge gibt es als vernünftigen Gottesdienst nur noch das Dankopfer und „die geistliche Art und Weise, Gott zu dienen“.
Für Ferdinand Christian Baur, den Begründer der historischen Kritik, galt das Christentum als das „wahrhaft Vernünftige“. Die „Erneuerung des Geistes“, von der Paulus sprach, deutete er als das Tun des Willens Gottes. Für den Tübinger Neutestamentler Ernst Käsemann ließ sich der „geistliche Gottesdienst“ nicht auf bloße Innerlichkeit und sittliche Gesinnung reduzieren, sondern beinhalte eine radikale menschliche Neuschöpfung. Das ganze christliche Leben sei als Gottesdienst zu begreifen. Und das heiße auch: sich den Trends dieser Welt zu widersetzen. Für den Käsemann-Schüler Peter Stuhlmacher beinhaltet der vernünftige Gottesdienst vor allem die „Hingabe von Leib und Leben an den Dienst der Gerechtigkeit“. Auch gemäß Hans Dieter Betz meint Paulus „das neue Leben in seiner Gesamtheit“.
Sodann schaute sich Werner Zager einige Predigten zu Röm 12 an. Helmut Thielicke zufolge hatte Paulus „hier den Gottesdienst in der profanen, der alltäglichen Welt und nicht bloß beim Kirchenbesuch am Sonntagmorgen“ gemeint. Für Manfred Mezger käme es beim „Gottesdienst“ eher darauf an zu erkennen, dass Gott für uns Dienst tut und wir im Gegenzug seinen Willen tun. „Das ganze Leben soll eine einzige Buße sein“, eine neue Hinkehr zu Gott.
Für Hans Küng sei der rechte Gottesdienst „das Christsein in der Alltäglichkeit“, in unauffälligem Dienst an den Mitmenschen an den profanen Orten der Welt. Und dann noch einmal Peter Stuhlmacher: „Gut, vor Gott wohlgefällig und in seinen Augen vollkommen ist unser Lebensstil erst dann, wenn wir aufhören, auf Kosten der Umwelt und der Menschenfamilie zu leben.“
In seinem Resümee betonte Professor Zager noch einmal, dass es beim vernünftigen Gottesdienst um mehr gehe als um fromme Innerlichkeit und mystisches Erleben, sondern um die gänzliche Hingabe an Gott. Das ganze Leben soll Dienst an Gott sein, nicht nur beim sonntäglichen Gottesdienst im engeren Sinn, sondern gerade auch im Alltag.
Um die „vernünftige Predigt“ ging es beim Vortrag von Dr. Raphael Zager, der derzeit in Marburg an seiner Habilitationsschrift arbeitet. In Texten zur Predigtlehre finde man das Wort „Vernunft“ vergeblich, betonte er. In der homiletischen Literatur gehe es kaum um Vernunft oder Rationalität. Vielmehr werde immer wieder betont, wie wichtig es sei, von der Zuhörerschaft verstanden zu werden. Hier könne man viel von Jesus lernen, der stets in anschaulichen Bildern und Gleichnissen redete. Wenn ZuhörerInnen eine gehörte Predigt für „vernünftig“ halten, dann vor allem deshalb, weil sie plausibel und nachvollziehbar sei. Insofern spiele die Logik also durchaus eine wichtige Rolle (daher auch logikós „vernünftig“).
Raphael Zager zufolge sollte der kirchliche Prediger auf die „Sprache Kanaans“ verzichten und das jargonhafte „Kirchensprech“ vermeiden, mit dem fromme Floskeln transportiert werden. Wirklich vernünftig wird eine Predigt auch dann, wenn sie von einer intensiven Auseinandersetzung mit dem biblischen Text zeugt. Dazu wird der Prediger nicht nur den Textzusammenhang aufzuhellen versuchen, sondern sich auch mit der Wirkungsgeschichte des Textes auseinandersetzen. Und schließlich wird er auch die Situation und Erlebniswelt seiner Zuhörer in den Blick nehmen wollen. Er sollte auch ruhig fragen, was der Bibeltext für ihn selbst, den Prediger, bedeute. Bei der Predigt gehe es nicht darum, zu moralisieren, die Gläubigen zu missionieren oder zu manipulieren, sondern darum, auf offene Fragen, Konflikte und Sehnsüchte einzugehen.
Um seine Thesen zu exemplifizieren, verwies Raphael Zager auf verschiedene „Predigtstile“. Da sei etwa der narrativ-inszenierende Stil, der heute weit verbreitet sei. Dabei werde der Bibeltext nicht erklärt, sondern inszeniert. Die Kanzel werde zur Bühne, die Predigt zur Performance, der Prediger zum Schauspieler. Emotionalität spiele dabei eine wichtige Rolle. Unterbelichtet bleiben aber die historisch-kritische Vorbereitung und die eigentliche Auslegung.
Eine zweite Herangehensweise sei der dramaturgisch-cineastische Stil, der sich einer Art Drehbuch bedient, um einen Spannungsbogen zu erzeugen. Die Hörer mögen beeindruckt sein, können hinterher aber oft nicht sagen, was denn der Bibeltext eigentlich aussagen wollte. Auch komme die Vieldeutigkeit des biblischen Textes kaum zur Geltung.
Schließlich gebe es da noch den postmodern-artifiziellen Stil, bei dem die Predigt als Kunst verstanden werde. Hierbei werde zuweilen ein Potpourri unterschiedlicher Perspektiven, Emotionen und Deutungen serviert. Es sollte dem Prediger aber vor allem um die Wahrheit des Textes gehen.
Die drei Predigtstile dürfen uns inspirieren, man sollte aber nicht nur auf einen einzigen Stil setzen. Auch sollte es weniger um eine „Performance“ gehen als vielmehr um jene Inhalte, die für unser Leben wichtig sind.
In einem zweiten Teil ging Raphael Zager auf Predigten an den christlichen Feiertagen (wie Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Pfingsten) ein, die ja vergleichsweise gut besucht werden, sogar von Menschen, die mit der christlichen Botschaft weniger vertraut sind. Hier müsse es darum gehen, die mythologischen Vorstellungen dieser Feste zu „entmythologisieren“ und ihre Bedeutung für die menschliche Existenz herauszuarbeiten. Vor allem solle der Eindruck vermieden werden, der Pfarrer glaube die biblischen Erzählungen in genau der Weise, wie sie uns in der Schrift überliefert wurden.
Als Fazit forderte Zager von der Predigt, dass sie stimmig, widerspruchsfrei und verständlich sein müsse und das Ergebnis einer historisch-kritischen Auseinandersetzung mit dem Text. Auch dürfe die Mehrdeutigkeit der biblischen Texte ruhig zur Sprache kommen. Schließlich gehe es darum, den Zuhörern Orientierung zu geben.
Pfarrerin Dagmar Gruß, Vorstandsmitglied im Bund für Freies Christentum, sprach am Samstagnachmittag zum Thema „Vernünftige Gebete“. Ihr Ziel war es, aus einem liberalen Gottesverständnis Konsequenzen für die Gebetspraxis zu ziehen. Sie verwies u.a. auf Immanuel Kant, der die Meinung vertrat, dass beim Thema „Gebet“ die Aufklärung noch nicht stattgefunden habe. „Das Beten ist abergläubischer Wahn.“ Und göttliches Wohlgefallen könnten wir uns nicht durch unser Beten erwirken. Der Adressat des Gebets sei zu einem Problem geworden. Problematisch sei aus Sicht der Aufklärung die Vorstellung, dass Gott als eine mir gegenüberstehende Person verstanden werde, die konkret in diese Welt eingreifen könne. Kann man Gott heute überhaupt noch direkt anreden? Oder muss man sich damit begnügen, von Gott in der 3. Person zu sprechen, wie es beispielsweise Paulus am Ende von Römer 11 tat? („Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“).
Dagmar Gruß verwies sodann auf Dorothee Sölle, die einst meinte: „Beten heißt, im Einklang mit Gott zu leben.“ Man könnte hier auch auf Paulus verweisen, der schrieb: „Freut euch allezeit. Betet immerzu“ (1Thess 5,16 f.). Auch Ludwig Feuerbach kam zu Wort, der das Gebet als ein Zwiegespräch des Menschen mit sich selbst verstand. Weil Gott kein Bitterfüller sei, mache nur das Dankgebet Sinn, war die Meinung des Theologen Albrecht Ritschl. Karl Barth hingegen meinte „Beten heißt Bitten“. Und: Gott lasse mit sich reden. Aber: Laut dem Waliser D. Z. Phillips bestehe das Beten nicht darin, Gott als eine Art kosmischen Wunschautomaten zu missbrauchen, um äußere Ereignisse zu manipulieren oder physikalische Gesetze zu brechen; vielmehr ergebe sich der Sinn des Gebets vor allem durch das Handeln und die veränderte Lebenshaltung des Betenden.
Nach dem Vortrag von Pfarrerin Dagmar Gruß fanden drei Arbeitsgruppen statt, die sich mit den Themen „Glaube und Vernunft“, „Vernünftige Predigt“ und „Vernünftiges Gebet“ befassten.
Anschließend berichteten die Gruppen im Plenum über ihre Diskussionen. Von der ersten Gruppe wurde u.a. noch die „Auferstehung Jesu“ thematisiert: Ist sie historisch oder nicht? Inwieweit ist sie objektivierbar? Von der zweiten Gruppe wurde das Wagnis angesprochen, sich bei der Predigt auf eine bestimmte Botschaft festzulegen (auch wenn der biblische Text oft vieldeutig sei).
Wünschenswert sei es, die Gemeinde bei der Wahl der Predigtthemen einzubeziehen. Von der dritten Gruppe wurde betont, dass das Gebet eine wichtige Kraftquelle sein könne; man aber schon Kindern beibringen solle, dass Gebete ggf. nicht erhört würden.
Nach dem Abendessen gab es am Samstagabend wie üblich die Mitgliederversammlung des Bundes, bei der Geschäftsführerin Karin Klingbeil über die neuesten Entwicklungen berichtete und anschließend die Themen der nächsten Jahrestagungen diskutiert wurden.
Sodann referierte Dr. habil. Wolfgang Pfüller über den Komponisten, Pianisten und Dirigenten Carl Maria von Weber, dessen 200. Todestag wir in diesem Jahr begehen. Pfüller garnierte seine Hommage an Weber mit musikalischen Darbietungen, darunter der 2. Satz aus dem Klarinettenkonzert in f-Moll. Den Abschluss und Höhepunkt bildete eine Improvisation über das Abendgebet Agathes „Leise, leise, fromme Weise“ aus Webers Oper „Der Freischütz“, das Pfüller am Flügel selbst vortrug und dafür verdienten und anhaltenden Applaus erntete.
Der Sonntagvormittag begann mit einem Gottesdienst in der Kapelle des Schlosses. Pfarrer Ingo Zöllich gestand, angesichts des Tagungsthemas unter erheblichem Druck gestanden zu haben, um selbst einen „vernünftigen Gottesdienst“ anzubieten. Er stellte es der Vernunft der Zuhörerschaft – und ihrer Barmherzigkeit – anheim, zu beurteilen, inwieweit ihm dies gelingen sollte.
Sodann predigte er über Röm 12,1-2, den Text der Tagung. Die Verbindung von „Gottesdienst“ mit dem Wort „vernünftig“ deute eigentlich einen Widerspruch an, da ein Gottesdienst etwas Kultisches sei, das vor allem die Emotionen der Menschen anspreche. Viele Menschen meinen, Religion und Vernunft passten gar nicht zusammen. Analysiert man die Gottesdienste unserer Zeit, wird man wohl weniger von einer Vernunft- als von einer Traditionsveranstaltung sprechen müssen, so Zöllich, die inhaltlich nicht immer vernünftig sei. Aber soll man alte Traditionen einfach beiseiteschieben?
Zöllich suchte dann die Absicht des Paulus zu ergründen: Unser Gottesdienst soll inhaltlich fundiert sein, zuweilen begeistern, Menschen miteinander und mit Gott verbinden. Es gelte auch, die Zuhörer mit ihren Erfahrungen und Enttäuschungen, ihren Hoffnungen und ihren Zweifeln ernst zu nehmen, ja sie auch in ihrer gelegentlichen Verzweiflung zu erreichen.
Und wie tun wir das? Am besten, indem wir Gott erlauben, seine Liebe in uns hineinzupflanzen. Und das sei mehr als vernünftig, übervernünftig. Zöllichs Gottesdienst endete mit dem Ringstedter Glaubensbekenntnis und dem üblichen Segen.
Glaubensbekenntnisse waren denn auch das Thema des nächsten Vortrags von Pfarrerin Dorothea Zager über „vernünftige Bekenntnisse“. Das traditionelle Apostolikum sei längst nicht mehr verpflichtend, meinte sie, weder für den Gottesdienst noch als Voraussetzung für echtes Christsein.
Jedes Glaubensbekenntnis sei nur eine Momentaufnahme der aktuellen theologischen Diskussion.
Pfarrerin Zager befasste sich dann mit einigen Glaubensbekenntnissen, die als Alternativen für das Apostolikum infrage kommen, darunter eines, das Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis formulierte, der dabei ohne trinitarische Begrifflichkeiten auskam. Auch das Credo der Jungen Thomaskirche wurde behandelt, obwohl es immer noch recht konservativ ist. Sehr liberal ausgerichtet seien die Glaubensbekenntnisse von Dorothee Sölle und auch das „Offene Glaubensbekenntnis“ von Wolfram Zoller, dem ehemaligen Vorstandsmitglied des Bundes für Freies Christentum.
Zum Abschluss formulierte Dorothea Zager ihre Ergebnisse: Um der Wahrhaftigkeit willen dürfe jede christliche Interessengruppe ihr eigenes Bekenntnis formulieren. Wünschenswert wäre auch, über solche Bekenntnisse offen ins Gespräch zu kommen. Ein Glaubensbekenntnis sollte nicht als verpflichtend für die Liturgie erhoben werden. Auch sollten weder Christen noch Pfarrer auf irgendwelche Bekenntnisschriften verpflichtet werden.
Bei der anschließenden offenen Diskussion ging es u.a. darum, welche Rolle das Apostolikum heute noch spielen könne. Ein Teilnehmer wollte aufs Apostolikum nicht verzichten, weil es uns mit anderen Christinnen und Christen auf der ganzen Welt verbinde. Dagegen meinten andere, dass es in vielen Kirchen rund um die Welt gar nicht üblich sei, wöchentlich ein Credo aufzusagen, wie dies in Deutschland der Fall ist.
Auch könnten viele Christen das Apostolikum ehrlicherweise nur mitsprechen, wenn sie es für sich radikal umdeuten. Ein vernünftiger Gottesdienst müsse jedenfalls Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zur Voraussetzung haben, beim Prediger ebenso wie bei den Zuhörern.
Insgesamt war es wieder eine Jahrestagung, die zum kritischen Nachdenken anregte. Sie zeigte, dass auch liberale Christen ungern auf altgewohnte Traditionen verzichten wollen, aber sich doch einen Gottesdienst wünschen, der einerseits den biblischen Predigttext ernst nimmt, andererseits aber auch die Bedürfnisse und Lebenslagen der Menschen anspricht.
Bericht: Dr. Kurt Bangert
Fotos: Dorothea und Dr. Raphael Zager











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