| Frei von der Fesselung durch Glaubensformen (Dogmen) vergangener Zeiten, | In Ausrichtung auf den Gott, den wir bei Jesus als befreiende Liebe erfahren, |
| Frei von Glaubenszwängen aller Art, | Im Ernstnehmen echter - eigener wie fremder - religiöser Erfahrung, |
| Frei von autoritären religiösen Herrschaftsstrukturen, | In Förderung menschlicher wie religiöser Selbständigkeit und Mündigkeit, |
| Frei von bibelvergötzendem Buchstabenglauben, | Im engagierten Hören auf die zentrale Botschaft der Bibel vom anbrechenden Gottesreich, |
| Frei von geistlosem und sektiererischem Fanatismus, | In intellektueller Redlichkeit und ohne Schablonendenken, |
| Frei von der Gängelung durch das bloß Gewohnte, | Im Suchen nach neuen Möglichkeiten den Glauben zu erfahren, auszudrücken und zu leben, |
| Frei von Berührungsängsten vor dem Fremden in anderen Menschen und Kulturen, | In Liebe zu allen Menschen als solchen, in denen Gottes Geist lebendig sein will, |
| Frei von intoleranten Absolutheitsansprüchen, | In dialogischer Offenheit für Menschen anderen Glaubens, |
| Frei von missionarischer Vereinnahmung der anderen, | Im Bemühen, voneinander zu lernen und den Reichtum des Glaubens gegenseitig auszutauschen, |
| Frei von der Furcht vor neuen Entwicklungen, | Im Sich-Ausstrecken nach neuen Stufen der menschlichen Evolution, |
| Frei von dem Irrtum, der Mensch sei das Maß aller Dinge, | In tätiger Ehrfurcht vor der ganzen Schöpfung, |
| Frei von der aggressiv, depressiv oder gleichgültig machenden, immer aber zerstörerischen Kapitulation vor dem sinnlosen Nichts, | Im freimachenden und aktivierenden Vertrauen auf die Macht
Gottes, in dem alles seinen Sinn hat und in dem wir unbedingt bejaht
sind.
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Der Bund für Freies Christentum sieht seine
Aufgabe darin, eine Form christlichen Glaubens zu vertreten und zu
fördern, die dem Bewusstsein der Freiheit und
Selbstverantwortlichkeit angemessen ist, das sich im Verlauf der
Neuzeit als unverzichtbare Grundlage wahrer Menschenwürde
herausgebildet hat. Er steht mit dieser Zielsetzung in einer Tradition
freien Christentums, die - um nur eine knappe Auswahl zu nennen - durch
Namen wie Gotthold Ephraim Lessing, Friedrch D. E. Schleiermacher,
Adolf von Harnack, Rudolf Otto, Albert Schweitzer, Gustav Mensching und
Paul Tillich charakterisiert werden kann. Freies Christentum in diesem
Sinne betrachtet sich als legitime Fortführung der Reformation,
sofern diese ein religiöser Freiheitsimpuls war: der Durchbruch zu
einem persönlich verantworteten Glauben in subjektiver
Wahrhaftigkeit, aber auch intellektueller Redlichkeit.
In der Vergangenheit hatte freies Christentum vordringlich anzugehen
gegen die Tendenz zur Einschließung des Glaubens in ein
orthodoxes Lehrsystem, gegen Bekenntniszwang und dogmatische
Bevormundung und Gängelung. Dieses Anliegen wird heute
erfreulicherweise mehr und mehr in Theologie und Kirche anerkannt und
aufgenommen. Es bleibt jedoch auch in Zukunft eine Aufgabe freien
Christentums, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Bekenntnisse
der Kirchen nicht zu einem tötenden Lehrgesetz erstarren
dürfen. So fordert etwa der unkritische Gebrauch des
"Apostolischen Glaubensbekenntnisses" nach wir vor zum Widerspruch
heraus.
Im Kampf gegen jede Art von dogmatischer Bevormundung des auf
Mündigkeit angelegten christlichen Glaubens sah und sieht der Bund
für Freies Christentum eine erste und unaufgebbare Zielsetzung.
Daneben stand jedoch von Anfang an gleichgewichtig das Ziel einer
religiösen Erneuerung aus dem Geist der Freiheit. Der Bund
für Freies Christentum verstand und versteht sich deshalb zugleich
als Raum für die Entfaltung religiösen Lebens in
persönlicher Erfahrung, im Austausch unter gleichgesinnten
Freunden, im Suchen nach neuen Formen gemeinsamer religiöser
Feier. Diese positive Seite seiner Zielsetzung wird in Zukunft noch
stärker den Mittelpunkt der Arbeit des Bundes bilden.
Er wird dabei offen sein für alle Impulse, die zur Erneuerung
religiösen Lebens aus innerer Freiheit beitragen können. Im
Besonderen sieht der Bund sich herausgefordert dadurch, dass heute neue
religiöse Bewegungen aufbrechen aus Quellen, die zum großen
Teil außerhalb der Tradition freien Christentums - und des
Christentums überhaupt - liegen, während zugleich die
Weltreligionen verstärkt in unser Blickfeld treten. Die verfassten
Kirchen zeigen sich kaum in der Lage, auf diese Herausforderungen
angemessen zu antworten; das religiöse Suchen vor allem der
jüngeren Generation wird von ihnen eher kritisch und mit Abwehr
registriert.
Um freies Christentum in überzeugender Weise als Antwort auf die
Herausforderungen der Gegenwart sichtbar zu machen, wird der Bund
für Freies Christentum vor allem den folgenden Impulsen und
Leitgedanken in sich Raum geben, ohne dass der Einzelne damit auf
bestimmte Anschauungen festgelegt wird:
1. Religion, auch die christliche, ist in erster Linie persönliche Erfahrung.
Gegenüber allen pseudo-rationalen dogmatischen Systemen vertritt
freies Christentum das Recht des religiösen Erlebens als Grundlage
einer ganzheitlichen Religiosität. Im Besonderen wendet es seine
Aufmerksamkeit jener Tiefenerfahrung zu, die durch die verschiedenen
Formen mystisch-meditativer Religiosität erschlossen wird. Das
Stichwort "Allein aus Glauben" der Lutherischen Rechtfertigungslehre
hat in der protestantischen Theologie weithin dazu geführt, solche
Tiefenerfahrung als "Selbsterlösung" zu verwerfen und Mystik
innerhalb des Christentums zu einer illegitimen Form der
Glaubensverwirklichung zu erklären. Meditation, Versenkung wird
nur toleriert, wenn sie sich in Wort und Bild an konkrete
Glaubensinhalte anschließt. Freies Christentum greift über
die durch historische Frontstellungen bedingte Position Martin Luthers
zurück auf die Paulinische Theologie, in der rechtfertigender
Glaube und "Christusmystik" in einem ausgewogenen Verhältnis
gegenseitiger Ergänzung stehen. Es sieht sich durch Paulus und die
große Tradition christlicher Mystik von Meister Eckart bis
Gerhard Tersteegen dazu ermutigt, die mystische Tiefenerfahrung als
eine besonders dem neuzeitlichen Bewusstsein angemessene Form
religiöser Erfahrung zu beachten und zu pflegen.
2. Religiöse Erfahrung steht auch immer Zusammenhang mit
Einsichten, wie sie heute im Rahmen empirischer Wissenschaften wie der
Tiefenpsychologie gewonnen werden und die unser Menschenbild in
unvorhergesehenem Maße erweitern. Tiefenpsychologie, wie C. G.
Jung sie uns sehen gelehrt hat, ist weit mehr als eine Methode zur
Heilung seelischer Erkrankungen, der so genannten Neurosen. Sie zielt
auf den Ausgleich von Fehlentwicklungen, von denen mehr oder weniger
jedermann innerhalb der modernen, einseitig intellektuell und technisch
ausgerichteten Kultur betroffen ist. Sie zeigt, dass menschliche
Freiheit und Selbstverwirklichung bedroht sind, wo das Individuum sich
gegen die Kräfte, die sein Bewusstsein transzendieren,
verschließt. Sie darf deshalb als ein Weg zu erneuerter
religiöser Erfahrung angesehen werden und weist zugleich auf den
engen Zusammenhang von Religion und Selbstfindung hin. Insofern
verdient sie Beachtung im Rahmen der Bemühungen um neue Formen
freien Christentums.
3. Tiefenpsychologie und Vergleichende Religionswissenschaft lassen
uns auch die Welt der Religionen in einem neuen Licht erscheinen. Unter
der Oberfläche widerstreitender Gottesbilder und
Glaubensvorstellungen wird die enge Verbindung, ja Einheit der
Religionen in der Dimension der Tiefenerfahrung sichtbar. Die
Besonderheit der einzelnen Religion wird dadurch nicht etwa aufgehoben.
In jeder der großen Religionen, die für ein unbefangenes
Urteil sämtlich auf Offenbarung zurückgehen, kommt ein
bestimmter Aspekt der Religion - des Göttlichen bzw. menschlicher
Gotteserfahrung - in besonderer Weise zum Ausdruck. Die Religionen sind
deshalb auf Ergänzung angelegt. Freies Christentum sucht den
Dialog mit Vertretern anderer Religionen, um von ihnen zu lernen, wo
die eigene Religion solcher Ergänzung bedarf. Gerade wer
überzeugt ist, im Christentum die Religion der "Erfüllung" zu
haben, wird sich gerne darauf hinweisen lassen, wo er in seiner
religiösen Verwirklichung hinter dem eigenen Anspruch
zurückbleibt.
4. Wie der Welt der Religionen, so begegnet freies Christentum auch
der Vielzahl christlicher Konfessionen und Glaubensrichtungen mit
grundsätzlicher Offenheit und Toleranz. Es sucht das
Gespräch mit allen Richtungen und betrachtet die Pluralität
der Ausprägungen christlichen Glaubens als beständige
Aufforderung, Einseitigkeiten im eigenen Verständnis dieses
Glaubens zu überwinden. Freies Christentum sieht alle Richtungen
des Christentums geeint durch die Beziehung auf seinen Stifter, Jesus
von Nazaret. Im Verständnis seiner Person und seines Werkes legt
es niemand auf eine bestimmte Anschauung fest. Freies Christentum sieht
sowohl in der Nachfolge des historischen Jesus von Nazaret und dem
Bemühen um die "Sache Jesu" als auch in der Verehrung des Christus
als des uns zugewandten Angesichtes des verborgenen Gottes (kosmischer
oder mystischer Christus) legitime Formen des Christentums.
5. Für ein freies Christentum ist es selbstverständlich,
dass Religion als persönliche Tiefenerfahrung zu Konsequenzen im
praktischen und gesellschaftlichen Leben drängt. Es kann sich
jedoch nicht an bestimmte ethische Normen oder politische Ziele binden.
Die Achtung vor der Freiheit und Würde des Menschen und die
Ehrfurcht vor dem Leben gilt ihm zwar als unabdingbar, aber wie alle
sittlichen Forderungen haben sie nur einen Sinn, wenn sie nicht als
Gesetz kodifiziert, sondern aus eigener Freiheit gelebt werden. Das
schließt ein, dass der eine aus diesen Grundsätzen andere
konkrete Folgerungen ziehen wird als ein anderer. Der eine wie der
andere jedoch können sich darin einig sein, dass jeder, der sich
auf den Weg religiöser Erfahrung begibt, dadurch eine Umwandlung
erfährt, die in sein äußeres Leben hinein ausstrahlt.
Freies Christentum kennt an diesem Punkt keine Stellvertretung: Jeder,
der Religion hat, wird mit seiner ganzen Existenz zum Zeugen dessen,
was er empfangen hat.
6. Religiöse Erfahrung drängt nicht nur zur Tat, sie sucht auch Ihre Erfahrungen erkennend zu verarbeiten.
Die Geschichte des Christentums, wird seit den frühesten Zeiten
begleitet von den unterschiedlichsten Versuchen, Glauben und Wissen
auszusöhnen. Freies Christentum weiß sich in besonderem
Maße dieser Aufgabe verpflichtet. Es wird deshalb Entwicklungen
der Wissenschaft aufmerksam verfolgen, durch die verfestigte Fronten in
Bewegung kommen, z.B. auf dem Gebiet der Mikrophysik, der
Evolutionstheorie und der Hirnforschung. Es ist darüber hinaus
aufgeschlossen für die Forschungen einer methodisch abgesicherten
Parapsychologie und sucht auch unvoreingenommen das Gespräch mit
der Anthroposophie als einer wichtigen Form esoterischer Forschung in
der Gegenwart.
7. Freies Christentum ist nicht eine besondere Religion oder
Konfession, sondern: Christentum, verstanden als zugleich freiheitliche
und ganzheitliche Religion. Der Bund für Freies Christentum
betrachtet sich deshalb auch nicht als eine Glaubensgemeinschaft, die
mit anderen - kirchlichen oder außerkirchlichen - Gemeinschaften
konkurriert, sondern als ein Forum, auf dem sich Menschen der
unterschiedlichsten Glaubensformen begegnen und sich gegenseitig
fördern können. Vorausgesetzt wird nichts weiter als die
Bereitschaft, in religiöser Erfahrung - nach Paul Tillich
Erfahrung dessen, "was uns unbedingt angeht" - eine Sache von
höchster Dringlichkeit zu sehen und die je eigene Religion immer
aufs neue in Richtung auf die "Religion der Religionen" (Ulrich Mann)
zu öffnen.
Wer Mitglied im Bund für Freies Christentum ist, sucht solche
Begegnung und gegenseitige Förderung und unterstützt im
Rahmen seiner Möglichkeiten die Initiativen, die der Bund in
seiner Funktion als Forum der Begegnung ergreift.
Vorbemerkung
Der Bund
für Freies Christentum - der Name drückt, wie wir selbst
empfinden, nur in unzulänglicher, wohl auch
missverständlicher Weise aus, was wir sind und wollen - hat in der
Absicht, das, was uns, seine Mitglieder, bei aller Mannigfaltigkeit der
Art doch fest zusammenschließt, in klare Sätze zu fassen,
einen kleinen Ausschuss beauftragt, solche zu erarbeiten. Sie sollen
nicht eine Bekenntnisformel, ein Grundgesetz für alle Zeiten sein,
sondern eine Grundlage für die gegenseitige Klärung und
Verständigung, auch für das Gespräch mit verwandten
Gruppen. Sind wir doch der Meinung, eine engere Fühlungnahme der
Menschen und Kreise, denen an der Erneuerung von Kirche und Volk, von
religiösem und politisch-sozialem Leben gelegen ist, sei heute
dringend erforderlich. In dieser Absicht legen wir die folgenden
Sätze der Öffentlichkeit vor. Wir bitten um Prüfung,
Äußerung und Weitergabe an solche, die für unsere
Haltung Verständnis haben.
Rudolf Daur (Präsident des Bundes für Freies Christentum 1960-1970)
Im Bewusstsein
unserer Mitverantwortung für Bestand und Zukunft des evangelischen
Christentums treten wir für eine Erneuerung der Kirche in allen
Bereichen ihres Wirkens ein. Wir meinen, dass nur ein gelebtes
Christentum ohne Enge und Gesetzlichkeit in der Welt von morgen
bestehen kann. In den letzten Jahren ist manche Forderung nach Reformen
laut geworden. Es erfüllt uns jedoch mit Sorge, dass sich
kirchliche Kreise, auch Kirchenleitungen, gegen unbequeme Erkenntnisse
und Erfordernisse der Gegenwart immer wieder abzuschirmen versuchen.
Sie hindern damit die Wirksamkeit des Evangeliums und versperren vielen
den Zugang zu ihm.
1. Wir meinen, dass von Gott
nicht anders als in ehrfürchtiger Zurückhaltung gesprochen
werden darf. Die letzte Wirklichkeit, aus der wir leben, lässt
sich nicht in allgemein gültige Begriffe fassen. Worte, Bilder und
Symbole, in denen wir von ihr reden, können nur Hinweise sein auf
das, was unser Leben trägt und bestimmt.
2. Wir meinen, dass die Bedeutung der Gestalt Jesu
in heute verständlichen Begriffen zum Ausdruck gebracht werden
muss. Viele Bekundungen aus Vergangenheit und Gegenwart erweisen, dass
in der Begegnung mit ihm die liebende Zuwendung und der fordernde Anruf
Gottes erfahren werden. Lösende und heilende Kräfte gehen von
ihm aus, er weckt Hoffnung und Zuversicht, er ruft zu vorbehaltloser
Menschlichkeit. Das Geheimnis seines Wesens und Wirkens, seines Leidens
und seiner Todesüberwindung wird niemand ergründen. Die
Versuche, das Besondere in seiner Erscheinung symbolhaft
auszudrücken, haben immer wieder Sinn und Recht. Die Ergebnisse
solcher Versuche dürfen nicht als "ewige Wahrheit" missverstanden
und zum Glaubensgesetz gemacht werden.
3. Wir meinen, dass die Bibel
bei aller gebotenen Ehrfurcht in ihrer Geschichtlichkeit gesehen werden
muss. Die noch immer weit verbreitete Meinung, die Bibel sei ein
einheitliches Buch, das "immer recht hat", ist verhängnisvoll. Die
Kirche weiß, dass die Bibel eine Sammlung sehr verschiedenartiger
und verschiedenwertiger Überlieferungsstücke aus anderthalb
Jahrtausenden ist und dass viele ihrer Aussagen - auch in den
Evangelien - wesentlich voneinander abweichen. Was die Kirche aber
weiß, soll sie auch sagen. Nur dann ist sie glaubwürdig.
Dies gilt auch
für die Bezeichnung der Bibel als "Gottes Wort". Sie enthält
menschliche Bezeugungen dessen, was Menschen als an sie ergangenes
"Wort Gottes" erfahren haben, und was anderen zu einem an sie
ergehenden "Wort Gottes" zu werden vermag. Aber sie ist nicht als
solche "Gottes Wort", zumal Gottes "Reden" zu Menschen auch anders als
durch die Bibel geschehen kann.
4. Wir meinen, dass die Kirche zu dem stehen soll, was als Ergebnis theologischer Forschung
vorliegt. Sie soll den Mut haben, daraus Konsequenzen zu ziehen. Wenn
ein Pfarrer seine Gemeinde wider besseres Wissen in der Meinung
hält, "Schrift und Bekenntnis" könnten noch in der gleichen
Weise wie etwa vor 400 Jahren verstanden und verbindlich gemacht
werden, so ist dies ein unwahres und unwürdiges Verhalten.
5. Da die überlieferten kirchlichen Bekenntnisse
ein überholtes Weltbild und Weltverständnis voraussetzen und
nur noch mit Hilfe verwickelter Gedankengänge gedeutet werden
können, erscheint es uns untragbar, Christen auf deren Wortlaut zu
verpflichten. Dies gilt ebenso für die altkirchlichen wie für
die reformatorischen Bekenntnisse, vor allem aber für das so
genannte "Apostolische Glaubensbekenntnis", dessen Wortlaut seit
Generationen ungezählte Christen an der inneren Zustimmung zu
ihrer Kirche und an der Teilnahme an deren Gottesdiensten gehindert
hat. Die Kirchen sind der Apostolikumsfrage immer wieder ausgewichen;
sie haben die Beibehaltung des Apostolikums durch Verfügungen
reglementiert.
Die geforderte
Verpflichtung auf dieses Bekenntnis, auch schon das Verlangen, dass es
von der gottesdienstlichen Gemeinde, von Eltern und Paten bei der Taufe
oder von den Konfirmanden gesprochen werden soll, muss alle, die es
nicht bejahen können, entweder innerlich belasten oder aber zu
Unaufrichtigkeit und Gleichgültigkeit verleiten.
Es sind manche
Versuche unternommen worden, in neuen Sätzen in der Sprache
unserer Zeit zu sagen, was für uns lebendiger evangelischer Glaube
ist. Kirchenleitungen, Synoden und Gemeindevertretungen sollten solche
Versuche ermutigen und unterstützen.
6. Wir halten eine gründliche Umgestaltung der kirchlichen "Agenden" und
anderer für die sonntäglichen Gottesdienste, für Taufen,
Trauungen und Bestattungsfeiern vorgeschlagener Gebete und liturgischer
Formeln für dringend erforderlich. Die in ihnen gebräuchliche
Ausdrucksweise ist für viele heutige Christen schlechthin
unerträglich. Auch vom Inhalt her ist vieles fragwürdig
geworden.
7. Wir meinen, dass in ein für unsere Zeit bestimmtes evangelisches Gesangbuch solche
Lieder - und Liedstrophen - aufgenommen werden sollten, denen der
Singende innerlich zustimmen und die er als Ausdruck seines Glaubens
empfinden kann. Darum erscheint uns eine durchgreifende Sichtung und
Überarbeitung der überkommenen Texte unbedingt geboten. Wir
begrüßen alle Bemühungen, wertvolle Texte und Melodien
aus unserer Zeit der Gemeinde vertraut zu machen.
8. Taufe und Abendmahl können
in ihrem Symbolgehalt den Menschen in seiner Tiefe erfassen. Sie sind
Hilfe und Bereicherung, nicht aber Bedingung und Voraussetzung
christlichen Glaubens und Lebens. Der Zugang zum symbolhaften Geschehen
darf nicht lehrhaft verbaut werden.
9. Eine Neuordnung von Konfirmation und Konfirmandenunterricht
wird heute weithin vorgeschlagen und diskutiert. Sie sollte
überall als Aufgabe von unaufschiebbarer Dringlichkeit begriffen
werden. So wie der Konfirmandenunterricht heute noch immer
üblicherweise erteilt wird, ist er offensichtlich eher geeignet,
junge Menschen dem Christentum zu entfremden als sie in ihrer Kirche
und Gemeinde zu verwurzeln.
Wir meinen,
dass die wesentliche Aufgabe des Konfirmandenunterrichts nicht in der
Vermittlung von christlichem Wissensstoff, sondern in der
Hinführung zu einem mit innerer Überzeugung gelebten
Christsein und in der Vermittlung echter Lebenshilfen zu suchen ist.
Ein gründliches Eingehen auf die Situation der Jugendlichen, auf
ihre wirklichen Fragen, auf die ihnen heute gestellten Probleme ist
erforderlich.
10. Auch der Religionsunterricht in den Schulen
bedarf einer neuen Planung und Gestaltung. Schon in der Grundschule
sollte die Vermittlung eines vermenschlichten Gottesbildes und eines
buchstäblichen Bibelverständnisses vermieden, in den oberen
Klassen der Unterricht auf religionswissenschaftlicher Grundlage
erteilt und der junge Mensch durch umfassende Information zu eigener
Meinungsbildung und persönlicher Entscheidung befähigt
werden.
11. Die Gemeinden
sollten weniger von oben herab regiert als von unten her aufgebaut
werden. Verantwortliche und entscheidungsfreudige Mitarbeit der
Gemeindeglieder muss durch die "kirchlichen Ordnungen" mehr als bisher
gefördert und eine lebendige Mannigfaltigkeit ermöglicht
werden.
12. Den Angehörigen anderer christlicher Gemeinschaften
sollte im Bewusstsein des Verbindenden in brüderlicher Weise
begegnet werden. Entsprechend sollte eine kirchliche Trauung auch mit
solchen Christen möglich sein, die weder der evangelischen noch
der katholischen Kirche angehören.
13. Wir erstreben ein neues Verhältnis auch zu den nichtchristlichen Religionen.
Wenn diese vielfach als bloßer menschlicher Wahn oder Irrtum
abgetan werden, so erscheint uns dies als eine Anmaßung, die dem
Geist Jesu widerspricht. Wir wollen nicht der Unverbindlichkeit
Vorschub leisten; aber wie wir Christen den anderen Helfendes und
Wegweisendes zu vermitteln haben, so können auch wir von ihnen
lernen.
14. Wir meinen, dass es zu den Aufgaben der Kirche gehört, soziale und politische Verantwortung
zu wecken. Die Kraft des Evangeliums muss sich in der Gestaltung
menschlichen Zusammenlebens erweisen und bewähren. Die wachsende
Not in allen Ländern der Erde geht alle Christen an. Nicht zuletzt
ist es Sache der Kirche, die Gewissen wachzurufen. Dabei darf sie die
Aufgabe der eigenen inneren Erneuerung, des Umdenkens und Umgestaltens
nicht zurückstellen. Wenn die Kirche verstanden werden und in die
Welt hinein wirken will, muss sie vordringlich ihre eigene Reform in
Angriff nehmen.
Hanau, im November 1968