Lesen Sie hier über
1. Die Anfänge des Bundes um 1948
Die Gründungsversammlung
Grundmotiv "Freiheit"
Grundmotiv "Wahrhaftigkeit"
2. Das Jahrzehnt von 1948 - 1958
Struktur und Funktionsträger
Die Zeitschrift
Örtliche Gruppen -
internationale Kontakte
Die Tagungen
Prägende Persönlichkeiten
Beziehung zur evangelischen
Kirche
Breites Spektrum von Positionen
3. Das Jahrzehnt von 1958 - 1968
Abbröckeln und Zusammenrücken
Interreligiöse Kontakte
4. Das Jahrzehnt von 1968 - 1978
Neue Herausforderungen
Die "Hanauer Sätze" und die Rolle
des Dogmas
5. Das Jahrzehnt seit 1978
und Ausblick
Die
bisherigen Präsidenten des Bundes für Freies Christentum
40
Jahre Bund für Freies Christentum
Marksteine - Entwicklungen - Persönlichkeiten
von Andreas Rössler
Vierzig Jahre, etwas mehr als
eine Generation, scheinen für einen geschichtlichen Überblick etwas wenig zu
sein. Doch sind wir schnelllebig und vergesslich. Eine Vereinigung wie der Bund
für Freies Christentum, die für bestimmte Ziele steht, hat sich im Blick auf
ihre Aufgaben in Gegenwart und Zukunft immer wieder auf die eigenen Ursprünge
und die zwischenzeitlichen Entwicklungen zu besinnen.
Die hauptsächliche Quelle dieser notgedrungen knappen Darstellung ist die
Zeitschrift "Freies Christentum". Aus ihr wird zitiert in der
Reihenfolge Jahr - Nummer - Seite (z.B. 49/1/1 = Freies Christentum 1949,
Nummer 1, Seite 1). Dazu kommt das Berichtsheft zum Frankfurter Kongress 1948
(Deutscher Kongress für Freies Christentum Frankfurt 21.-23. September 1948,
Bericht, hg. v. Erich Meyer; zitiert: Bericht 48). Bei einer ausführlichen
Darstellung wären auch die Protokolle der Vorstandssitzungen und
Mitgliederversammlungen, die Korrespondenzen des Vorstandes, die Hefte der
1952-1967 bestehenden Schriftenreihe "Freies Christentum" sowie die
Mitteilungsblätter der örtlichen und regionalen Gruppen heranzuziehen.
1. Die Anfänge des
Bundes um 1948
Die Gründungsversammlung
Ausgangsdatum ist der
"Deutsche Kongreß für Freies Christentum" vom 21.-23. September 1948
in Frankfurt a. M. Dort ist der "Deutsche Bund für freies
Christentum" gegründet worden, genau einen Monat nach der Gründung des
Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) am 23. August 1948 in Amsterdam. Beides
hat insofern miteinander zu tun, als die meisten Mitglieder der Vereinigungen
freien Christentums in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und
Frankreich Mitgliedskirchen des ÖRK an gehören, aber mit der dort offiziell
vertretenen Lehre von Jesus Christus als "Gott" die größten
Schwierigkeiten haben.
Der 1948 gegründete Bund konnte an damals nicht mehr lebende Vertreter einer
freien Theologie anknüpfen, etwa die Frankfurter Pfarrer Willy Veit (1872-1940)
und Erich Förster (1865-1945) oder die Theologieprofessoren Rudolf Otto
(1869-1937) und Martin Rade (1857-1940). Rade war bis 1931 Schriftleiter der
von ihm 1886 mitbegründeten Zeitschrift "Christliche Welt" gewesen.
Die Begründer des Bundes konnten an die "Christliche Welt" anknüpfen,
die von 1932 bis zu ihrer Einstellung 1941 von dem Leipziger Theologieprofessor
Hermann Mulert (1879-1950) herausgegeben wurde, und an die 1939 verbotene
Frankfurter Zeitschrift "Christliche Freiheit". Der Bund für Freies
Christentum steht in der Tradition verschiedener früherer Dachverbände eines
freien Protestantismus, vor allem des 1863 gegründeten "Deutschen
Protestantenvereins", des 1914 konstituierten "Bundes für
Gegenwartschristentum", dem sich 1920-1930 die 1903 gegründete "Vereinigung
der Freunde der Christlichen Welt" angeschlossen hatte, so wie des 1921
gebildeten, kirchenpolitisch ausgerichteten "Verbandes des freien
Protestantismus", der 1930 mit dem "Bund für
Gegenwartschristentum" zusammenging. Diese Dachverbände hatten das Dritte
Reich und die Zeit des Kirchenkampfs, in der die strengere kirchliche
Orthodoxie ein freieres christliches Denken an den Rand gedrängt hatte, nicht
oder fast nicht überlebt.
Noch direkter konnte der Bund bei seiner Gründung 1948 anknüpfen an örtliche
Kreise eines freien Protestantismus, welche die Nazidiktatur, den Krieg und den
Zusammenbruch 1945 überstanden hatten. Ihr neuer Dachverband ist der Deutsche
Bund für freies Christentum geworden, "dem alle Verbände und Vereinigungen
eines freien Christentums, eines entschiedenen Protestantismus und einer
volkskirchlichen Haltung zugehören sollen, der aber auch Einzelmitglieder
aufnehmen kann. Damit hat das freie Christentum eine unbedingt notwendige
gemeinsame Organisation erhalten" (Erich Meyer, Bericht 48/3f).
Der Bund war gedacht als "Zusammenfassung aller Kräfte eines freien
Christentums in Deutschland" (Bericht 48/1). Unter den örtlichen Gruppen,
die sich in dem neuen Dachverband zusammenfanden, ist an erster Stelle der
schon vor 1904 gegründete Frankfurter "Bund für entschiedenen
Protestantismus" zu nennen. Die dort führenden Pfarrer Erich Meyer
(1884-1955) und Friedrich Manz (1872-1957) hatten sich 1934 vom Pfarrernotbund
wegen dessen Orthodoxie gelöst und gingen damit ihren eigenen einsamen Weg
zwischen den Fronten (55/6/71). Dazu kamen die Ortsgruppen des Deutschen
Protestantenvereins in Berlin, Hamburg und Bremen, die "Freunde
evangelischer Freiheit" in Hannover, Duisburg (seit 1906) und Köln, die
"Protestantische Vereinigung" Mülheim/Ruhr (seit 1945), die
"Freie Volkskirchliche Vereinigung in Württemberg" (seit 1912), der
"Pfälzer Unionsverein", die "Freie Evangelische
Vereinigung" in Freiburg, die "Bewegung für Einheit in Glaube und
Kirche" in Heidelberg, die "Evangelische Sammlung" in Wiesbaden,
sowie mehrere Gruppen in der DDR: "Evangelisch-sozialer Kongreß" in
Leipzig, "Freie volkskirchliche Vereinigung" in Sachsen,
"Thüringer Volkskirchenbund" mit Ortsgruppen in Eisenach, Jena,
Meiningen und Weimar (vgl. Bericht 48/48). Dem Bund eng verbunden war der
Leipziger "Arbeitskreis für Gegenwartschristentum" mit Propst
Friedrich Ostarhild, Professor Johannes Herz (1877-1960) und den Pfarrern
Johannes Mehlhose (1890-1966) und Rudolf Grabs (1900-1993). Die Veranstaltungen
dieser Leipziger Gruppe wurden 1949-1958 im "Freien Christentum"
angekündigt.
Der Frankfurter Kongress 1948 und die dortige Gründung des Bundes ist in erster
Linie der Initiative von Erich Meyer zu verdanken. Von dem befreundeten Pfarrer
Friedrich Manz, der ihm von Anfang des Bundes an zur Seite stand, ist er
"der Gründer und die Seele unseres Bundes" genannt worden
(54/12/146). Auch die später im Bund mitverantwortlichen Pfarrer Hermann
Marhold (87/2/23) und Hans Pribnow gehörten zu den Mitbegründern. Dazu kam der
Hamburger Theologieprofessor Walter Bülck (1891-1952).
Bei der Vorbereitung des Kongresses erhielt Erich Meyer fast 1000 Briefe
(Bericht 48/25). Zum Kongress selbst kamen 150 Teilnehmer von allen Teilen
Westdeutschlands. Die Vorträge der Pfarrer Friedrich Manz und Erich Meyer, der
Professoren Kurt Leese (1887-1965), Gustav Mensching (1900-1978) und Walter
Bülck sowie des Religionspädagogen Friedrich Karl Veigel wurden von 300-400
Personen besucht. Welches Signal von diesem ersten Kongress ausging, zeigen die
verlesenen Grußworte von Paul Tillich, Rudolf Bultmann, Hermann Mulert, die
Grußworte der hessisch-nassauischen Kirchenleitung, der theologischen
Fakultäten der Universitäten Heidelberg, Mainz und Marburg, der Stadt
Frankfurt, das Grußwort von Professor Emil Fuchs, von Dr. Lathrop, dem Präsidenten
der IARF (damals "Weltbund für freies Christentum und religiöse
Freiheit"), und manchen anderen (Bericht 48/ 17). Besonders ermutigend war
der Brief Albert Schweitzers zum Kongress vom 30. 8. 1948 aus Lambarene. Er
endet mit den Sätzen: "Für das freie Christentum einzutreten, ist eine
Pflicht dem Evangelium gegenüber. Wie oft denke ich an das Wort: 'So bestehet
nun in der Freiheit, damit uns Christus befreit hat.' St. Paulus ist unser
Schutzpatron" (49/2/5).
Grundmotiv "Freiheit"
Der "Zusammenschluß der
mancherlei Bünde und der vielen Freunde eines freien Christentums und
entschiedenen Protestantismus" (Erich Meyer, 49/1/2) hatte das Ziel, die
in der theologischen Entwicklung der vergangenen 200 Jahre ausgebildeten Züge
eines "freiheitlich bestimmten Christentums" (Bericht 48/2) in der
restaurativen Atmosphäre der Nachkriegszeit nicht untergehen zu lassen.
"Freiheit" war das kräftige Leitmotiv, in dem sich Traditionen des
Neuen Testaments, der Reformation und der Aufklärung bündelten. So ging es,
geistlich verstanden, um die "Freiheit eines Christenmenschen, der in all
seiner gefährlichen Freiheit gehalten wird von einer verborgenen Hand, der aus
aller Gottesferne wieder heimgeholt wird" (Bericht 48/13). Der neue Bund
sollte ein "Helfer zur rechten Freiheit der Kinder Gottes" sein
(Bericht 48/14), eine "Sammlung aller derer, die in Freiheit fromm sein
wollen" (50/9/4).
Angesprochen waren hier in erster Linie Mitglieder der evangelischen
Landeskirchen. "Wir, die wir im Deutschen Bund für freies Christentum
zusammengeschlossen sind, sehen nach wie vor unsere besondere Aufgabe darin,
einem freien, im Evangelium wurzelnden Christentum innerhalb der bestehenden
Kirche Raum und Recht zu verschaffen" (Friedrich Manz, 53/3/31). Die eine
Zielgruppe waren diejenigen, die innerhalb der Kirche als "Diaspora freien
Christentums ... Zusammenfassung, Halt und Stärke" brauchten (Bericht
48/36). Eine zweite Zielgruppe jene vielen, die möglicherweise die Option eines
freien Christentums noch gar nicht kannten, aber "in der modernen
Geisteslage nur in der Weise freien Christentums Christen sein oder werden
können" (a.a.O.). Eine dritte Zielgruppe schließlich bildeten die in den
etablierten Landeskirchen am Rande Stehenden oder an den Rand Gedrängten. Der
neue Bund "will sich mühen, den zahllosen ‚Aussiedlern' und ‚Randsiedlern'
in der Evangelischen Kirche Heimatrecht und Heimatgefühl zu bewahren oder neu
zu schaffen" (a.a.O.).
Die "Freiheit" gewann ein besonderes Profil durch Abgrenzungen und
Einsprüche, die im Namen der Freiheit vorzunehmen waren. Friedrich Manz
schrieb: "Wir haben im tiefsten Grund kein polemisches, sondern ein durch
und durch positives Interesse. Das schließt nicht aus, sondern ein den klaren
und entschlossenen Protest gegen das, was uns im Leben der Gegenwart, vor allem
im Leben der Kirche widerchristlich erscheint" (49/4/4).
Was das etwa konkret heißt, beschrieb Erich Meyer: "Aus unserem
Verständnis des Evangeliums heraus lehnen wir dann allerdings allen
Dogmatismus, jeden Totalitätsanspruch einer theologischen Richtung in der
Kirche, alle Konfessionalisierung und Klerikalisierung der Kirche wie der Welt,
alle Orthodoxie und jedes gesetzliche Verständnis der Bibel und der
Bekenntnisse der Kirche ab" (49/8/2).
Die Gründer des Bundes wandten sich gegen "lehrgesetzliche Verpflichtung
gegenüber irgendwelchen Bekenntnissen" (Bericht 48/4), gegen "ein
durch Bekenntnisse der Vergangenheit gestütztes Glaubensgesetz", gegen
"überspitzten innerprotestantischen Konfessionalismus" (Bericht
48/5), gegen "Verengung, eine peinliche Fixierung der ‚reinen Lehre'…
geistlichen Zwang" (Bericht 48/13), und zwar, weil "nicht
irgendwelche Bekenntnisautorität Kirche baut, sondern allein lebendiger und
gegenwärtiger christlicher Glaube" (Bericht 48/5).
In der "Allgemeinen Entschließung des ‚Deutschen Kongresses für Freies
Christentum'" wird dem "dogmatischen" eben das "freie"
Christentum gegenübergestellt, mit der ausdrücklichen Bereitschaft zur
Toleranz. Der Bund wolle "sich mühen, in christlicher Liebe zu denen zu
stehen, die in der Weise des dogmatischen Christentums mit Ernst Christen sein
wollen" (Bericht 48/34). Nur beanspruchen eben auch die freien Christen
ihren Platz in der Kirche. In immer neuen Varianten wurde die Alternative
formuliert: Freies Christentum statt "Bekenntnischristentum" (Bericht
48/4) oder "geschichtlich gebundenem Christentum" (Bericht 48/7).
"Nicht Rechtgläubigkeit, sondern rechte Gläubigkeit" (Bericht 48/1).
Grundmotiv "Wahrhaftigkeit"
Von Anfang an beschäftigte den Bund die Bekenntnisfrage.
Unvergessen waren die wegen Widerspruchs gegen das Apostolikum oder wegen
freien Umgangs mit den Bekenntnissen aus dem Kirchendienst entlassenen Pfarrer
Christoph Schrempf (1860-1944), Karl Jatho (1851-1913) und Gottfried Traub
(1868-1956). Drei Pfarrer in Mülheim/Ruhr wurden 1945 von der rheinischen
Kirchenleitung großenteils wegen ihrer freieren Haltung zum Bekenntnis
amtsenthoben, was zur Gründung der dortigen "Protestantischen
Vereinigung" führte (49/2/3-5; 49/9/6). Noch Mitte der fünfziger Jahre wurde
Ulrich von Hasselbach wegen seiner kritischen Haltung zum Bekenntnis eine
Pfarrerstelle in Düren verweigert (vgl. die Anmerkung in: Paul Tillich,
Ergänzungsband 5 zu den Gesammelten Werken, Stuttgart 1980, 352f).
Im freien Christentum war man sich darin einig, dass eine wörtliche
(literalistische) Bejahung der altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisse
nicht zur Pflicht gemacht werden darf. Nach der "Allgemeinen
Entschließung" von 1948 lässt sich "der aus dem Geist Jesu Christi
lebende Glaube... nicht in starren Formen von Dogmen und Bekenntnissen
einfangen ", weil er "nur dort zur Wirkung kommen kann, wo das an
Gott gebundene Gewissen sich in freier Entscheidung zum Evangelium als der
Frohen Botschaft von der erlösenden Gnade und Liebe Gottes bekannt hat" (Bericht
48/34).
So griff der Kongress in einer "Entschließung", die durch ein Referat
Walter Bülcks vorbereitet war, in die aktuelle Kirchenpolitik ein. Der zwei
Monate zuvor, am 9.-13. Juli 1948 in Eisenach verabschiedeten Grundordnung der
Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurde ein "unevangelischer"
Umgang mit Bibel und Bekenntnis vorgeworfen. Die Bekenntnisse seien der Bibel
nachgeordnet, und diese wiederum sei mit dem Evangelium nicht schlichtweg
identisch. Kritisiert wurde in der "Entschließung" auch, dass die
Barmer Theologische Erklärung von 1934 in die Grundordnung der EKD einbezogen
worden war. Die Barmer Erklärung sei aus ihrer Situation heraus zu würdigen,
doch sei ihre These 1 "überspitzt" formuliert, und zwar "unbiblisch
und unlutherisch". Die in dieser These 1 implizierte Ablehnung einer
Uroffenbarung und einer universalen Heilsoffenbarung kann vom freien
Christentum in der Tat nur als eine Sonderlehre betrachtet, nicht aber als
verbindlich akzeptiert werden.
Der Einspruch des freien Christentums gegen allen "Dogmen- und Bekenntnis-
zwang" (52/2/15) hing zusammen mit der uneingeschränkten Bejahung der
historisch-kritischen und religionsgeschichtlichen Methoden in der Theologie
und mündete aus in ein Plädoyer für die "Volkskirche" und die Warnung
vor Sektierertum. Walter Bülck sah hier schwere Probleme auf den
Protestantismus zukommen: "Die Kirche kann nicht gleichzeitig Sekte und
Volkskirche sein. Die Forderung einer Uniformität der Lehre und bedingungsloser
Anerkennung traditioneller Lehren und Formen hat aber entweder die Entwicklung
zur Sekte oder die Rückentwicklung zum Katholizismus zur Folge" (49/9/2).
Freiheit, Bekenntnisfreiheit und Bewahrung vor Sektenmentalität waren für Erich
Meyer ein einziger Zusammenhang: "Das Wort ‚Freiheit' hat nicht mehr ohne
weiteres einen guten Klang in Theologie und Kirche. Konfessionalistische und
dogmatische Erstarrung machen uns mancherlei Sorgen; die evangelische Kirche
ist nicht selten in der Gefahr, ihre Weite und Freiheit zu verlieren und zur
Sekte zu werden. Da müssen wir Freunde einer christlichen Freiheit und eines
freien Christentums das Wächteramt ausüben" (Schriftenreihe Freies
Christentum, Heft 1, 1952, S. 1).
Tieferer Grund des freichristlichen Plädoyers für den freien Umgang mit den
überkommenen Bekenntnissen ist die Wahrhaftigkeit, der zweite Schlüsselbegriff
neben der Freiheit, und mit dieser untrennbar verbunden. "Das freie
Christentum sprach den Wahrheitssinn der Menschen an und verlangte unbedingte
Wahrhaftigkeit auch auf dem Gebiet der Religion" (Bericht 48/2), heißt es
programmatisch bei Erich Meyer. Dem im schwäbischen Freien Christentum aktiven
Prälaten Jakob Schoell (1866-1950) wurde in einem Nachruf "Treue zur
evangelischen Kirche, positive christliche Haltung und unbestechlicher
Wahrheitssinn" bescheinigt (50/7/4).
Eindrucksvolle Worte wurden in den Anfangsjahren des Bundes für dieses zugleich
freichristliche und urprotestantische Anliegen gefunden. Der Meininger Pfarrer
H. Heyn schrieb: "Evangelische Freiheit ist Freiheit zu der Wahrheit von
Gott, wie sie uns in Jesus Christus und seinem Evangelium offenbar geworden,
und ist darum Freiheit von allen menschlichen Zusätzen, welche die göttliche
Wahrheit verdunkeln. Evangelische Freiheit ist Freiheit von Kirchenlehre, Dogma,
Bekenntnis, Bibelbuchstaben, wo immer hier dem Urteil des Gewissens sich ein
Widerspruch auftut zwischen dem Objektiven der göttlichen Wahrheit und dem
Subjektiven zeitbedingter Menschlichkeit, das auch in Kirchenlehre, Bekenntnis,
Bibel sich ausspricht" (50/2/2). Otto Morgenstern wollte nur eine mit der
Wahrheit verbundene Freiheit als legitim evangelisch gelten lassen: "Die
Freiheit allein macht noch nicht den Protestanten, sondern das Stehen auf einem
Ewigen, Absoluten, auf der Wahrheit, auf dem Guten, der Liebe, vor allem das
Stehen und Klein-sein vor Gott" (51/11/2). In unverblümter Schärfe vertrat
Kurt Leese den Primat der Wahrhaftigkeit: "Niemals kann das
protestantische Freiheitsbewußtsein einen Herrn der Kirche anerkennen, dem zu
dienen mit der Preisgabe der ebenso religiösen wie ethischen Wahrheits- und
Wahrhaftigkeitsforderung verbunden wäre" (52/5/58).
2. Das Jahrzehnt
von 1948 - 1958
Struktur und Funktionsträger
Gleich beim Gründungskongress
1948 zeichnete sich die Struktur des Bundes ab. Geleitet wird der Bund vom
Vorstand, der sich zu Anfang aus Professor Walter Bülck sowie den Pfarrern
Erich Meyer, Hermann Kuli (Tübingen) und Gottfried Bourquin (Berlin)
zusammensetzte. Erster Präsident des Bundes war in den Jahren 1948-1952 Walter
Bülck, erster Geschäftsführender Vorsitzender in den Jahren 1948-1955 Erich
Meyer, wobei zunächst Bülck und Meyer beide als Präsidenten fungierten, die
sich alle zwei Jahre in der Leitung des Bundes abwechseln sollten (50/11/8).
Auf den Praktischen Theologen Bülck folgte als Präsident in den Jahren
1953-1960 der religiöse Sozialist Georg Wünsch (1887-1964), Professor für
Sozialethik in Marburg. Nächste Präsidenten waren von 1960-1970 der Stuttgarter
Pfarrer Rudolf Daur (1891-1976), Ehrenpräsident des Bundes ab 1972, und von
1970-1986 der Saarbrückener Systematische Theologe Professor Ulrich Mann. Der
Kölner Religionswissenschaftler Udo Tworuschka bekleidete von 1986-1995 das
Präsidentenamt. Ihm folgte in diesem Amt der Berliner Theologieprofessor
Hans-Hinrich Jenssen (1927-2003). Seit 2002 ist der Bochumer Neutestamentler
Professor Werner Zager (*1959) Präsident des Bundes.
Auf Erich Meyer folgten als Geschäftsführende Vorsitzende des Bundes von
1955-1964 der Frankfurter Archivar Carl Huber (1883-1968), 1964-1974 der
Frankfurter Pfarrer Hermann Marhold, 1974-1986 der Düsseldorfer Pfarrer und
Religionslehrer Hartmut Finke, 1987-1990 der Stuttgarter Pfarrer Andreas
Rössler, 1990-1995 die Frankfurter Pfarrerin Jutta Reich, 1995-1997 der
Blaubeurener Pfarrer Jörg-Dieter Reuß. Seit 1997 bekleidet Pfarrer Heinrich
Frommer aus Denkendorf das Amt des Geschäftsführenden Vorsitzenden.
In der Geschäftsführung arbeitete von Anfang an die Gemeindehelferin und
Prädikantin Lydia Heinz (1909-1999) mit, die 1975 in den Vorstand berufen wurde
und über viele Jahre die Geschäftsstelle in Frankfurt leitete. Das Amt des
Kassenwalters hatte zunächst Paul Struckmeier (1888-1973) inne, ab 1967 Kurt
Dörffler (1897-1981), ab 1977 Dorle Wilhelmi und ab 1988 Gertrud Magister.
Heute liegt die Kassenverwaltung bei Peter Lange, Stuttgart.
Die Zeitschrift
Ein unentbehrliches Organ des
Bundes sollte die seit 1. März 1949 erscheinende Zeitschrift "Freies
Christentum" werden. Das monatliche, seit 1987 zweimonatliche Blatt hatte
zunächst den Untertitel "Mitteilungsblatt an", ab 49/5
"Mitteilungsblatt für die Bünde und Freunde des Deutschen Bundes für
freies Christentum". Ab 50/11 lautete der Untertitel "Herausgegeben
im Auftrag des Deutschen Bundes für freies Christentum", ab 65/1
"Herausgegeben vom Bund für Freies Christentum". Ab 76/1, mit der
Umstellung vom DIN A 4-Format des Blattes auf das DIN A 5-Format eines Heftes
mit graphisch gestaltetem Umschlag, lautete der Untertitel "Auf der Suche
nach neuen Wegen", nachdem sich die Zeitschrift "Auf neuen
Wegen", das Presseorgan der "Volkskirchenbewegung Freie
Christen", mit dem "Freien Christentum" vereinigt hatte.
Schriftleiter der Zeitschrift sind gewesen: Friedrich Manz ab 49/1, Pfarrer
Hans Pribnow ab 51/10, der Jurist Walter Kappus (1900-1984) ab 69/5, Pfarrer
und Studiendirektor Ulrich von Hasselbach (1910-1999) ab 1976, der Theologe und
Verlagslektor Hellmut Haug ab 1987.
Den am 1. Juli 1963 gegründeten "Verlag Freies Christentum" in Hanau
leitete Berta Jeneck, die schon zuvor im Versand der Zeitschrift tätig gewesen
war. Die Geschäftsführung des Verlags ging im Mai 1969 auf Ruth Erhardt
(1903-1975) in Stuttgart über. Der Verlag wurde 1976 auf gegeben. Die neue
Versandstelle übernahm Dorle Wilhelmi (Bad Bevensen), ab 1987 Lore Zoller
(Stuttgart).
Die Zeitschrift "Freies Christentum" stand unter dem Wahlspruch
"Aus der Enge in die Weite, aus der Weite in die Tiefe!" (50/1/4).
Dieses Wort ist zugleich "von Anfang an die Parole des Deutschen Bundes
für freies Christentum" gewesen (Hans Pribnow, 50/11/1). Bund und
Zeitschrift sind aufeinander angewiesen. Die Zeitschrift berichtet über das
Leben des Bundes, sie formuliert und diskutiert dessen Leitgedanken und
Zielvorstellungen. Der Bund reicht mit der Leserschaft der Zeitschrift weit
über den eigenen Mitgliederkreis hinaus. Es bestand zugleich das Bedürfnis nach
Schriftenreihen, in denen ausführlicher entfaltet werden kann, wofür in der
Zeitschrift der knappe Platz nicht ausreicht. In den Jahren 1952-1967 gab es
die "Schriftenreihe ‚Freies Christentum' - Beihefte zur Monatsschrift
‚Freies Christentum'". In unregelmäßiger Folge erschienen 68 Nummern,
etliche davon als Hefte mit Doppelnummern. Ab November 1985 wurde eine neue
Schriftenreihe begonnen unter dem Titel "Forum Freies Christentum -
Arbeitstexte des Bundes für Freies Christentum". Davon sind bis August
1987 vierzehn Hefte in Fotodruck erschienen.
Örtliche Gruppen - internationale Kontakte
Die Basis des Bundes bildeten
die örtlichen Gruppen, als deren Dachverband der Bund ja in erster Linie
gedacht war. Gleich in der ersten Nummer der Zeitschrift wurde zur Bildung
"freiprotestantischer Arbeitsgemeinschaften" (49/1/3) aufgerufen. Der
Religionswissenschaftler Gustav Mensching erklärte sich bereit, mit Vorträgen
die Gründung von Ortsgruppen vorbereiten zu helfen (51/1/11). Neue Ortsgruppen
entstanden etwa im Oktober 1951 unter dem Namen "Freunde evangelischer
Freiheit" in Remscheid und Siegen (51/12/6). Die Jahrestagungen des Bundes
fanden meistens an Orten statt, wo Ortsgruppen bestanden.
Freilich wurde bald über abnehmende Zahlen geklagt, so im Juni 1959 aus der
Berliner Ortsgruppe (59/6/78-81). Das Problem war die Überalterung der
Mitglieder. Die mittlere und junge Pfarrergeneration, die zur Gewinnung neuer
Mitglieder aus den gebildeten Kreisen der Kirchengemeinden nötig gewesen wäre,
fiel weitgehend aus, da sie zu sehr von der "dialektischen Theologie"
Karl Barths und seiner Freunde beeinflusst war und sich der von dort
ausgehenden Diffamierung der "liberalen Theologie" nicht entziehen
konnte. Auch wenn es unter den Verfechtern der liberalen Theologie viele
entschlossene Gegner des Nationalsozialismus und der "Deutschen
Christen" gegeben hatte, etwa Kurt Leese, Hans von Soden (1881-1945),
Friedrich Heiler (1892-1967) und den 1933 zur Emigration in die USA gezwungenen
Paul Tillich (1886-1965), hatte sich doch die überwiegend von Karl Barths
Theologie des Wortes Gottes inspirierte Bekennende Kirche mit der Barmer
Erklärung von 1934 als die stärkste Kraft gegen die Infiltration
nationalsozialistischer Ideologie in die Kirche erwiesen, während ein liberaler
Theologe wie Emanuel Hirsch (1888-1972) zeitweise sehr eng mit den
"Deutschen Christen" verbunden gewesen war.
Da das Etikett "liberale Theologie" verdächtig geworden war, musste
sich der Bund mit der Bezeichnung "liberal" auseinander setzen. Man
wollte sich nicht auf die "Liberalen alten oder neuen Schlages" (50/
9/4) beschränken oder festlegen lassen, konnte sich aber auch von der liberalen
Theologie bedeutender Geister wie Friedrich Schleiermacher, Albrecht Ritschl,
Adolf von Harnack und Ernst Troeltsch nicht distanzieren, ohne wesentliche
eigene Wurzeln zu verleugnen. Eine wichtige Wegweisung war das 1953 erschienene
Buch "Die neue liberale Theologie" des Berner Theologen Ulrich
Neuenschwander (1922-1977), das dazu half, zwischen altem und neuem
Liberalismus zu unterscheiden. Der "neue Liberalismus" hatte unter
dem Eindruck zweier Weltkriege den naiven Fortschrittsgedanken abgelegt, das
Zwiespältige im Dasein und die menschliche Sünde wieder wahrgenommen, sich die
in der Rede vom "verborgenen Gott" zusammengefasste Erkenntnis der
Abgründigkeit Gottes wieder zu eigen gemacht, die Botschaft von der Erlösung in
Jesus als dem Christus unterstrichen und Paulus als legitimen Interpreten Jesu
anerkannt (vgl. Hansjörg Jungheinrich in 57/12/154; 59/4/49; 88/2/29). Auf
dieser Linie konnte dann der Begriff "liberal" wieder ohne Scheu
benutzt werden, philosophisch untermauert von der "Liberalität" von
Karl Jaspers, der sich über die drei von Albert Schweitzer bestimmten Schweizer
Theologen Martin Werner (1887-1964), Fritz Buri (1907-1995) und Ulrich
Neuenschwander immer mehr zu einem Lieblingsphilosophen des freien
Protestantismus entwickelte (58/9/111f; 69/4/53-56; 83/4/ 67-71).
Dem Bund war von Anfang an an internationalen Kontakten gelegen. Auf dem 13.
Weltkongress für freies Christentum in Amsterdam vom 19.-24. Juli 1949 wurde
der Bund, zusammen mit den deutschen unitarischen Religionsgemeinschaften, in
den Weltbund für freies Christentum und religiöse Freiheit (heute:
International Association for Religious Freedom, IARF) aufgenommen. Professor
Bülck wurde ins Exekutivkomitee gewählt (49/7/2). Die alle drei Jahre
stattfindenden Kongresse des Weltbundes wurden regelmäßig auch von Vertretern
des Bundes besucht. Beim 15. Kongress im Juli 1955 in Belfast war Georg Wünsch
einer der Referenten. Die Kontakte des Bundes gestalteten sich besonders eng
zur Schweizer Schwestergruppe, dem traditionsreichen Schweizerischen Verein für
freies Christentum. Die Professoren Werner, Buri und Neuenschwander und andere
waren gern gehörte Referenten bei den Jahrestagungen und gern gelesene Autoren
in der Zeitschrift.
Die Tagungen
Seit Gründung des Bundes ist
die jährliche Tagung, verbunden mit einer Mitgliederversammlung, das
herausragende Ereignis in seinem Leben. Von hier gehen entscheidende geistige
Impulse aus, die in den Tagungsberichten und in Aufsätzen der Zeitschrift
weitere Kreise ziehen. Ein größerer und mehr auf die Öffentlichkeit zielender
Kongress wechselte sich ab mit einer Arbeitstagung in intimerem Rahmen. Die
Teilnehmerzahlen bewegten sich im allgemeinen zwischen 60 und 120 Personen.
Beim Mülheimer Kongress 1960 gab es zum ersten Mal ein Generalthema. Nach dem Frankfurter
Kongress 1970 war nur noch von "Arbeitstagungen" die Rede, bis sich
seit der Tagung im Oktober 1980 in Stuttgart die Bezeichnung
"Jahrestagung" einbürgerte.
Der Bund war bestrebt, bei den Kongressen und Arbeitstagungen nicht unter sich
zu bleiben. Unter den Referenten fanden sich namhafte Theologen, die dem Bund
nicht angehörten, aber seinen Zielen doch nahe standen, etwa Wolfgang Trillhaas
(1949), Paul Althaus (1950), Gerhard Ebeling (1955), Herbert Braun (1962),
Manfred Mezger (1965), Joachim Scharfenberg (1969), Ernst Benz (1973), dazu die
Psychologen Karlfried Graf Dürckheim (1973), Marie Louise von Franz (1976),
Ingrid Riedel (1982) und der Biologe Carsten Bresch (1983). Vor allem ist unter
diesen nicht dem Bund angehörenden Referenten Walther von Loewenich (1958) zu
nennen, der mit Büchern wie dem 1963 erschienenen Werk "Luther und der
Neuprotestantismus" zur Rehabilitierung und positiveren Einschätzung eines
freien Christentums beitrug und in seiner Zusammenschau von Reformation und
Aufklärung sowie seiner Befürwortung eines "undogmatischen
Christentums" mit den Anliegen des freien Christentums übereinstimmt.
Auf der Liste der Referenten bei den Kongressen und Arbeitstagungen der ersten
zwanzig Jahre sind die großen Gelehrten zu finden, die zur Gründungsgeneration
des Bundes gehörten: Walter Bülck, Gustav Mensching, Kurt Leese, Emil Balla
(1885-1956), Friedrich Heiler, Theodor Siegfried, Georg Wünsch, Gerhard
Hennemann. Nicht durch Mitgliedschaft, aber durch ausdrückliche Sympathie war
auch der Neutestamentler Ernst Barnikol (1892-1968) dem Bund verbunden, und
besonders Paul Tillich. Seine Gegenwart und sein Vortrag auf dem Frankfurter
Kongress 1954 hinterließen einen nachhaltigen Eindruck (54/11/135-137;
53/3/30).
Prägende Persönlichkeiten
Auf lange Sicht gesehen sind
Paul Tillich und Albert Schweitzer (1875-1965) die prägenden Persönlichkeiten
des Bundes gewesen. An erster Stelle ist Schweitzer zu nennen, der nicht
zuletzt durch seine Freundschaft mit führenden Vertretern des Bundes und durch
sein kontinuierliches Bekenntnis zum freien Christentum im Bund in höchstem
Ansehen stand und steht. Seit 1950 ist er Ehrenpräsident des Bundes gewesen
(50/11/8). Während seiner Europaaufenthalte konnten sich Mitglieder des Bundes
mit ihm treffen, 1951 und 1955 in Frankfurt, 1958 in Günsbach. Durch
Briefwechsel nahm Schweitzer regen Anteil am Leben des Bundes. Seine Grußworte
zu den Jahrestagungen waren eine wesentliche Ermutigung für die
Bundesmitglieder.
Zum Frankfurter Kongress 1950 schrieb Schweitzer: Das freie Christentum
"hat seine Mission in unserer Zeit. Ohne freies Christentum kann sich
keine christliche Kultur entwickeln, die der Welt das sein kann, was sie ihr
sein muß" (50/9/Beilage).
Zum Kongress 1952 in Mülheim/Ruhr: "In der Ferne verfolge ich alle
Bemühungen des freisinnigen Protestantismus und darf Ihnen sagen, daß ich an
seine Zukunft mit ebensolchem Vertrauen glaube wie an seine Notwendigkeit. Die
Geltung des Wortes, daß man nichts gegen die Wahrheit, sondern nur für sie
etwas vermag, wird sich erweisen. Möge uns allen, die wir für das freie
Christentum eintreten, verliehen sein, es in rechter Frömmigkeit und mit
rechter Freudigkeit zu tun, daß man erkenne, daß auch wir kirchlich sind in der
Art, die vor Gott gilt" (52/10/122).
Zum Kongress 1956 in Bremen schrieb Schweitzer: "Wir dürfen uns getrösten,
daß wir in der Ehrfurcht vor der Wahrheit immer auf dem rechten Wege sind und
im Lichte wandeln" (56/11/136). Zur Arbeitstagung 1959 in Hannover:
"Ich denke immer an die wichtige Arbeit des Bundes. ... Ich hoffe und
glaube, daß wieder ein freies Christentum sich durchsetzen wird. Ohne das ist
eine christliche Kultur nicht möglich" (59/11/150). In seinem letzten
Brief an den Bund vom 6. August 1964, ein Jahr vor seinem Tod geschrieben, zum Frankfurter
Kongress 1964, bekräftigt Schweitzer noch einmal seine Verbundenheit: "Wo
es sich um eine Tagung des Bundes für Freies Christentum handelt, bin ich von
Herzen dabei. Ich kann nicht real bei Euch sein, aber geistig bin ich bei
Euch" (64/11/136).
Beziehung zur evangelischen Kirche
Die Stellung des Bundes zur und
in der evangelischen Kirche ist nicht frei gewesen von Spannungen. Die meisten
Mitglieder des Bundes sind Angehörige der Landeskirchen, zum Teil in
hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Funktionen in der Kirche tätig. Das vertrug
sich von Anfang an mit einer Öffnung auch für Menschen, "die einer
Landeskirche nicht angehören" (Bericht 48/15). Darin lag nicht das Problem,
sondern im Protest des Bundes gegen einen "intoleranten Bekenntniszwang
unter einem autoritären Kirchenregiment, dem gegenüber der freie
Protestantismus sein Recht auf Duldung mühsam und weithin erfolglos
vertritt" (Gustav Mensching, 51/1/6). Beim Kongress in Mülheim 1952 wurden
dem Bund sogar kirchliche Räume verweigert (52/11/133-137). Doch entkrampfte
sich das Klima, zumal die Frankfurter Kongresse von der hessisch-nassauischen
Kirchenleitung eher wohlwollend begleitet wurden. Beim Mülheimer Kongress 1960
konnte dann auch der Gottesdienst in einer Kirche gehalten werden (60/11/131).
Gerade in den Anfangsjahren setzte sich der Bund kritisch mit kirchlichen
Vorgängen auseinander. Bemängelt wurde etwa die Alleinherrschaft und
Unversöhnlichkeit der Bekennenden Kirche, die nach dem Krieg weitgehend die
Führungsposten in Kirche und akademischer Theologie übernommen hatte (50/6/2f;
52/8/107). Plädiert wurde für eine innerevangelische Abendmahlsgemeinschaft,
der ein lutherischer und reformierter Konfessionalismus im Wege stand (52/1/8).
Die Bekenntnisfreiheit in der bremischen Landeskirche wurde unterstützt
(50/8/6; 52/9/118), zumal Bremen - etwa mit der St. Remberti-Gemeinde - seit
langem ein Hort des freien Christentums gewesen war. Besonders engagierte sich der
Bund während des Streits um Rudolf Bultmanns Entmythologisierungsprogramm in
den Jahren 1950-1953 für die "Freiheit der theologischen Forschung von
jeder kirchlichen Bevormundung" (52/10/128), wobei es zu Bultmanns
Wort-Gottes-Theologie durchaus auch kritische Stimmen gab. Das ökumenische
Bekenntnis zur Gottheit Jesu Christi (in der "Basisformel von
Neu-Delhi" 1961 ist die Rede von den Kirchen, "die den Herrn Jesus
Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen") wurde
einhellig abgelehnt, wenigstens in einem irgendwie gearteten wörtlichen
Verständnis (61/4/37f; 78/6/135). Beim Braunschweiger Kongress 1966 wurde eine
kurze "Erklärung zur kirchlichen Lage" (66/11/165f) herausgebracht.
Gegenüber der Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" wurden
hier die "Erkenntnisse der theologischen Forschung wie durch die gesamte
Wissenschaft erarbeitete Einsichten" bejaht. Dabei wolle niemand "das
Evangelium in seinem eigentlichen Gehalt auflösen".
Das Interesse des Bundes an der Mitgestaltung des kirchlichen Lebens wurde
deutlich bei seinen Sondertreffen auf den Deutschen Evangelischen Kirchentagen
(Berlin 1951, Stuttgart 1952, Hamburg 1953, Leipzig 1954, Frankfurt 1956,
München 1959, Hannover 1967). Später wirkte der Bund auf den Kirchentagen in
Arbeitsgruppenleitungen mit (Düsseldorf 1973, Frankfurt 1975), oder mit Ständen
im "Markt der Möglichkeiten" (Frankfurt 1975, Nürnberg 1979).
Die erste offizielle Verlautbarung des Bundes seit den Entschließungen des
Frankfurter Gründungskongresses 1948 ist die "Entschließung" des
Frankfurter Kongresses vom 30. September 1954 gewesen. Ziel der Arbeit des
Bundes sei es, "die geschichtlich gewordene reformatorische Kirche zu
einer lebendigen, von freier Gewissensentscheidung getragenen Gemeinschaft zu
machen" (54/11/137). "Jeder dogmatische Zwang innerhalb der
Kirche" wird abgelehnt. Die Kirche wird davor gewarnt, "in der
Anerkennung geschichtlich gewordener Bekenntnisse einen gültigen Maßstab für
den Glauben und die Zugehörigkeit zur Kirche zu sehen ". Als
"unveräußerliche Wesensmerkmale evangelischen Glaubens" werden
"die Freiheit der Entscheidung und die Wahrhaftigkeit der
Überzeugung" unterstrichen. Dazu kommen einige konkrete Forderungen, etwa
die nach Lehrfreiheit der Pfarrer und der theologischen Hochschullehrer, nach
kirchlichem Wahlrecht für die Gemeinden und nach Zugeständnis eines
theologischen und kirchenpolitischen Pluralismus.
Breites Spektrum von Positionen
So sehr der Bund immer für eine Reihe von Werten wie
Freiheit, Wahrhaftigkeit und Toleranz eingestanden ist, gab es doch in etlichen
Einzelfragen und in der Konkretisierung der alle verbindenden Werte
Meinungsverschiedenheiten. Eine liberale Einheitsdogmatik konnte nicht
aufkommen. In der Zeitschrift wurde etwa 1953 ein Disput zwischen Ulrich von
Hasselbach und Georg Wünsch ausgetragen. Während von Hasselbach befürchtete,
man könne nur um den Preis des Umdeutens an vielen Aussagen in Bibel und
Bekenntnis festhalten und mache dadurch das christliche Zeugnis für die
Suchenden unglaubwürdig (53/5/ 51-54), wollte Georg Wünsch, der Präsident des
Bundes, zwischen Ausdrucksformen und gemeinter Sache unterschieden wissen.
Interpretation sei etwas anderes als Umdeutung (53/7/73-76). Die Toleranz
Rudolf Daurs gegenüber römisch-katholischer Marienverehrung hielt Hansjörg
Jungheinrich angesichts des "militanten Dogmatismus" Roms für
überspitzt (55/5/ 65f). Zwischen Kurt Leese und Hansjörg Jungheinrich kam es
zum Disput darüber, ob zwischen der "Religion Christi", also dem
Evangelium Jesu, und der "christlichen Religion" mit ihrer
Christologie ein innerer Zusammenhang besteht oder nicht. Im Unterschied zu
Leese bejahte Jungheinrich diese Frage (58/8/99-104). Beim Frankfurter Kongress
1958 gab es zwischen den Pfarrern Heinz Nölle und Hans Pribnow eine Kontroverse
über die Bedeutung der Kirche für das Christsein. Verstand sich Nölle als
Anwalt der Suchenden, die zur Kirche kein Verhältnis haben, so hielt Pribnow
die Gemeinde für erforderlich, "um zu einem vollen christlichen Leben zu
kommen" (58/11/145).
3. Das Jahrzehnt
von 1958 - 1968
Abbröckeln und Zusammenrücken
In der Rückschau auf den
Frankfurter Kongress 1958 konnte Hans Pribnow einen gewissen kirchlichen
Stimmungsumschwung im Verlauf der Jahre seit 1948 konstatieren, auch wenn er
andererseits die Einsamkeit vieler freichristlicher Pfarrer beklagte.
"1948 war uns der kirchliche und theologische Wind gänzlich zuwider; wir
wurden angesehen als Leute, die ihr eigenes Gestorbensein nur noch nicht bemerkt
hätten (,Reste eines überwundenen theologischen Liberalismus'). Der Wind hat
sich in diesen zehn Jahren doch schon etwas gedreht" (58/11/140). Bereits
nach der Arbeitstagung in Heidelberg 1953 konnte Hermann Marhold berichten,
"daß man fast überall - von den Kirchenleitungen über die theologische
Jugend bis hin zu den Gliedern der Kerngemeinden mit ihrem Hang zur Orthodoxie
und zur gebundenen Kirchlichkeit - verständnisvoller aufzuhorchen beginnt auf
das, was von jeher den freien Christen aus Liebe zu einer wahrhaft
evangelischen Kirche am Herzen lag" (53/11/138).
Eine Massenbewegung ist der "Bund für Freies Christentum" - wie er
seit dem Bremer Kongress im Oktober 1962 offiziell heißt, statt wie zuvor
"Deutscher Bund für freies Christentum" (62/11/124) - freilich nicht
geworden. Im Gegenteil, die Zahl der Einzelmitglieder (also die korporativ
angeschlossenen freichristlichen Gemeinschaften nicht mitgerechnet) ist bis
1988 auf 168 zusammengeschmolzen. Im Bund hat man sich laufend Gedanken
gemacht, womit die bescheidene Resonanz zusammenhängen mag. Die Herrschaft der
Theologie Karl Barths nach 1945 wird eine wichtige Rolle gespielt haben.
Andererseits kam der "gedrehte Wind" nicht dem organisierten freien
Christentum zugute. Mit dem Plädoyer für kritische und religionsgeschichtliche
Methoden in der Theologie rennt der Bund inzwischen offene Türen ein. Von einem
Zwang, die überkommenen Bekenntnisse wörtlich verstehen zu müssen, kann in den
evangelischen Kirchen nicht mehr die Rede sein. Wer im Sinne eines freien
Christentums denkt, findet im Protestantismus durchaus seinen Platz.
In politischen Fragen hat sich der Bund als ganzer sehr zurückgehalten, so daß
er auf junge progressive Protestanten sogar etwas konservativ wirken konnte.
Georg Wünsch richtete nicht von ungefähr an die Bundesmitglieder
"wiederholt die Bitte, den sozialen Fragen mehr Interesse
entgegenzubringen" (65/1/4). Dazu kommt die Begrenzung auf eine gebildete
bürgerliche Schicht. Die in der Zeitschrift über Jahrzehnte hinweg erschienenen
Beiträge über die deutschen Klassiker Goethe und Schiller und über Philosophen
wie Hegel konnten nur ein Bildungsbürgertum erreichen. "Ist der freie
Protestantismus vielleicht zu wenig sozial und volksgemäß gewesen?" wurde
gefragt (Hans G. Haack, 59/6/80).
Vielleicht muss der Bund zu solchen Grenzen stehen, wohl wissend, dass das
freie Christentum weit über seine organisierten Formen hinausreicht. Die
Bedürfnisse jener, die in religiösen Fragen den festen Rückhalt in fremder
Autorität suchen, wird ein freies Christentum jedenfalls nicht erfüllen können.
Sonst wäre ein Grundanliegen des freien Protestantismus verraten: das
"Ernstnehmen wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit und die Freiheit des
Gewissens in dem Sinne, daß evangelisch-sein bedeutet, nur das glauben zu
können, für das man selber einzustehen hat, und nicht, weil ein anderer, und
sei es eine kirchliche Autorität, es sagt" (Georg Wünsch, 54/11/141).
Über die Jahrzehnte hinweg machte man sich im Bund Gedanken, ob nicht die
Selbstbezeichnung "Freies Christentum" manche ähnlich Gesonnenen
abschrecke, weil es zu Verwechslungen mit konservativ geprägten Freikirchen
oder umgekehrt mit Freier Religion kommen könne. Schon im Oktober 1949 wies
Hans Pribnow auf solche Probleme hin: "Der Name ‚Freies Christentum',
durch den damals beabsichtigten und inzwischen vollzogenen Anschluss an den
Weltbund nahegelegt, ist bei uns allen von Anfang an manchen Bedenken
begegnet" (49/8/3). Ironischerweise hat die IARF beim Kongress 1969 in
Boston die Bezeichnung "freies Christentum" aus ihrem Namen
gestrichen, nachdem noch 1962 die Mitgliedsgruppen fast einhellig die
Beibehaltung der Bezeichnung "freies Christentum" im Namen des
Weltbundes befürwortet hatten (62/11/130f). Die Diskussion um den Namen des
Bundes flammte 1964 auf, dann wieder 1969/70. Bei der Arbeitstagung 1969 in
Königsfeld stimmte sogar die Mehrheit der anwesenden Mitglieder in einer
Probeabstimmung für eine Namensänderung (69/12/188). Eine plausible Alternative
wurde freilich nicht gefunden. So beschloss der Vorstand 1970, es beim
bisherigen Namen zu belassen (70/5/48).
Einen schweren Aderlass bedeutete für den Bund der Tod etlicher seiner
Vordenker in den Jahren 1964-1968. 1964 sind Martin Werner und Georg Wünsch
gestorben, 1965 Kurt Leese, Hermann Schuster (1874-1965), Albert Schweitzer,
Julius Richter (1873-1965) und Paul Tillich, 1967 Friedrich Heiler, 1968 Ernst
Barnikol. Einige Professoren der Theologie oder Religionswissenschaft sind im
Lauf der Jahre aber neu hinzugestoßen, vor allem Ulrich Mann, Paul Schwarzenau,
Gert Hummel, Fritz Maass und Udo Tworuschka.
Zum Bund, dessen Ortsgruppen im Lauf der Jahre abbröckelten, stießen zwei
freichristliche Gemeinschaften als korporative Mitgliedsgruppen dazu. Beim
Mülheimer Kongress 1960 war es die "Volkskirchenbewegung Freie
Christen" (60/11/133), mit der es schon seit 1953 Kontakte gegeben hatte
(53/3/30f) und deren "Braunschweiger Sätze vom Freien Christentum"
(1957) in der Zeitschrift abgedruckt worden waren (57/9/111-113). Anders als in
der Volkskirchenbewegung gibt es in der zweiten dieser Gemeinschaften, der
"Tempelgesellschaft", die bei der Mülheimer Arbeitstagung 1976 in den
Bund korporativ aufgenommen wurde, kaum zugleich einer Landeskirche angehörende
Mitglieder.
Interreligiöse Kontakte
Seit dem IARF-Kongress 1961 in Davos gibt es Kontakte
zwischen dem Bund und den freireligiösen sowie unitarischen deutschen
Mitgliedsgruppen der IARF (61/10/116). Zu intensiveren Gesprächen kam es
während der Arbeitstagung 1972 in Heidelberg, die unter dem Gesamtthema "Freies
Christentum zwischen kirchlicher Bindung und freier Religion" stand und
die im Zusammenhang mit dem Heidelberger IARF-Kongress 1972 durchgeführt wurde
(72/10/121-131; 72/11/137f). Im April 1973 schloss sich in Frankfurt ein
Treffen zwischen freien Christen, Unitariern und Freireligiösen an. Erste
Versuche, den Konsens und Dissens zwischen Freiem Christentum und Freier
Religion zu formulieren, erfolgten im April 1978 beim "Iggelbacher
Religionsgespräch" (78/5/109-113) und bei einer christlich-freireligiösen
Begegnungstagung im Februar 1979 in der Evangelischen Akademie Bad Boll
(79/4/70-73). Solche Gespräche mit Vertretern der Freien Religion hielt
Professor Ulrich Mann, Präsident des Bundes ab 1970, für eine wichtige Aufgabe
des freien Christentums, das sich als Brücke verstehen solle zwischen
kirchlichem Christentum und anderen Religionen, etwa auch freireligiöser
Spielart (73/1/169f). In seinem Grußwort 1974 an den Bund schrieb Ulrich Mann,
"daß wir Brücken herzustellen und zu erhalten haben, die eine lebendige
Verbindung schaffen zwischen den Kirchen einerseits und den frei-religiösen
Kreisen andererseits, wobei es auch nicht zuletzt darum geht, dem
Toleranzgedanken zu dienen, der allein einen geistigen Austausch zwischen den
Hochreligionen unserer Zeit er möglicht" (74/1/349).
Solche interreligiösen Begegnungen im eigenen Land wurden erleichtert durch
eine positive Sicht anderer Religionen, die dem freien Christentum schon immer
zu eigen gewesen war und die Gustav Mensching als "materiale
Toleranz" bezeichnete. Kurt Leese konnte, ähnlich wie Paul Tillich, eine
"Heilsoffenbarung" nicht ohne eine in Natur und Geschichte begegnende
"Grundoffenbarung" verstehen (55/6/66f; 55/8/94-96). Das steht in
einem gewissen Gegensatz zur These 1 der Barmer Erklärung. Von Friedrich Heiler
wurde eine universale Heilsoffenbarung vertreten (57/11/139-141). Hansjörg
Jungheinrich nannte den "universalen Offenbarungsbegriff ... die besondere
Aufgabe jetzigen Freien Christentums" (78/3/70) und schrieb ein Buch über
"Weltweite Offenbarung" (85/10/401-403). Ulrich Mann vertrat gegen
Cyprian den Satz "extra ecclesiam salus" = "Heil also auch
außerhalb der Kirche" (74/2/388).
In einer Standortbeschreibung des Bundes vom Oktober 1964 wurde dieser neue
Schwerpunkt von Rudolf Daur und Hermann Marhold festgehalten: "Unser Bund
erstrebt ein neues, brüderliches Verhältnis zu den nichtchristlichen
Religionen. Sie einfach als menschlichen Wahn abzutun, erscheint uns als
unfrommer, blinder Hochmut, der dem Geist Jesu nicht gemäß ist. Dabei leisten
wir nicht einem unverbindlichen Relativismus Vorschub, sondern suchen, auf der
Spur der Reformation gehend, das wirklich Unbedingte, alle Verpflichtende und
Befreiende" (64/9/114).
4. Das Jahrzehnt
von 1968 - 1978
Neue Herausforderungen
Auf dem Frankfurter Kongress 1968 wurde eine Bilanz der
vergangenen zwanzig Jahre gezogen. Wie Kurt Werner schrieb, entfaltete der Bund
zunächst "im Kampf gegen die Gefahr des völligen Verlustes der liberalen
Überlieferung ein reiches geistiges Leben", ist dann aber "in die
Kulturkrise und in die theologische Krise unserer Tage hineingerissen"
worden und steht "vor schweren Lebensproblemen" (68/11/165). Es war
eine Zeit von Unruhen in Gesellschaft, Kirchen und Universitäten. Der Bund
stand im kirchlichen Spektrum auf einmal in der Mitte und wurde links von
kirchenreformerischen Gruppen überholt. Ulrich von Hasselbach und Walter Kappus
sprachen von dem "dritten Weg" des freien Christentums "zwischen
der ‚alten Kirche' und einer radikal politisierten Kirche, die in der Gefahr
ist, die religiöse Komponente des Evangeliums aus ihrem Gesichtskreis zu
verlieren" (70/7/88).
Im Bund versuchte man dieser Herausforderung auf doppelte Weise zu begegnen.
Auf dem Frankfurter Kongress 1968 wurden Überlegungen angestellt, eine
"Arbeitsgemeinschaft mit verwandten Gruppen einzugehen, soweit die
wesentlichen Anliegen des Bundes dabei gewahrt werden" (68/11/166). Ein
Vorbild dafür war die kirchenpolitisch orientierte württembergische
"Arbeitsgemeinschaft für evangelische Erneuerung" von 1966
(66/12/183-186), in welcher der Bund eine Koalition mit anderen progressiven
kirchlichen Gruppen eingegangen war. Bei einem Treffen der "Aktion
Kirchenreform" im März 1969 in Frankfurt wurde den Vertretern des Bundes
gesagt, "die Flamme der Liberalität dürfe nicht erlöschen" (69/6/96).
Zeitweilig ins Auge gefasste Fusionen des Bundes und seiner Zeitschrift mit
kirchenkritischen Gruppen und Blättern kamen aber nicht in Frage (69/5/79).
Walter Kappus beschrieb die vom Lebensgesetz des Bundes gewiesene Grenze
kirchenpolitischer Interessen: "Wir müssen davor warnen, daß über den
gewiß notwendigen Bemühungen um Demokratisierung der Kirche das zentrale
Anliegen der Übersetzung des Evangeliums in die Gegenwart und seine Befreiung
aus den Fesseln eines überholten Weltbildes und einer ebenso überholten
Dogmatik vergessen wird" (69/6/96).
Der zweite neue Impuls des Bundes konnte an Früheres anknüpfen: ein Bemühen um
kirchliche Gestaltung aus dem Geist eines freien Christentums. Längst waren in
der Zeitschrift Praxisfelder wie Religionsunterricht, Gesangbuch, Gottesdienst,
Taufe und Konfirmandenunterricht erörtert worden. Das sollte nun verstärkt
fortgesetzt werden. Ulrich von Hasselbach bot von 1971-1984 mehrfach
Konfirmandenkurse in den Schulferien an, die vom Bund mitgetragen wurden. In
seinen Thesen "Christsein - neu gesehen" (79/11/187-197) fasste er
den Inhalt solcher Kurse zusammen (vorher schon 73/11/319-329).
Die "Hanauer Sätze" und die Rolle des Dogmas
Mit den "Hanauer Sätzen",
die auf dem Frankfurter Kongress 1968 vorgestellt wurden (69/3/37-40), hat der
Bund unter Federführung Ulrich von Hasselbachs ein Positionspapier erarbeitet,
das ein beachtliches Echo fand. Fünftausend Exemplare wurden zuerst versandt,
zehntausend Exemplare zusätzlich angefordert (70/7/88). Weitere
Standortbestimmungen sollten folgen, die aber alle nicht eine derartige
Resonanz bekamen: die Leitsätze von 1975 mit dem Titel "Was will der Bund
für Freies Christentum?" (75/7-8/1 12f), das Faltblatt von 1978 (78/3/740,
die Leitsätze von 1982 (82/5/93-96; alle Texte finden sich unter den Dokumenten
S. 94ff). Die "Hanauer Sätze" geben in den Thesen 5 bis 12 Vorschläge
zur Gestaltung des kirchlichen Lebens und betonen in These 14 die soziale und
politische Verantwortung der Kirche. In These 13 wird, in Anlehnung an die
programmatischen Sätze vom Oktober 1964, "ein neues Verhältnis auch zu den
nichtchristlichen Religionen" angesprochen. In den Thesen 1 und 8 wird der
Symbolbegriff aufgegriffen, der auch in Anknüpfung an die Theologie Paul
Tillichs und die Tiefenpsychologie C. G. Jungs in der theologischen Diskussion
im Bund fortan eine wichtige Rolle spielen sollte. In der den Bund seit seinen
Anfängen beschäftigenden Frage nach den Bekenntnissen heißt es in These 5
vorsichtig, es sei "untragbar, Christen auf deren Wortlaut zu
verpflichten". Damit ist einem literalistischen Verständnis gewehrt, aber
die Tür offen gehalten für eine symbolische Auslegung und Aneignung.
Ulrich Mann warb seit seiner Anwesenheit bei der Arbeitstagung in Königsfeld
1969 für ein positives Verständnis der Bekenntnisse und der altkirchlichen
Dogmen, sofern diese in den Kirchen als verbindlich geltenden Texte von der
religiösen Erfahrung her aufgeschlüsselt werden können und nicht als
Glaubensgesetze, sondern als "gültige Lehrmeinungen" verstanden
werden (74/2/367). Das trinitarische und das christologische Dogma solle nicht
eliminiert, sondern interpretiert werden (74/2/365), wobei die Archetypenlehre
C. G. Jungs eine gute Hilfe sei. So sehr Ulrich Mann die Aufgabe der Reduktion,
des Ausscheidens von nicht mehr nachvollziehbaren und damit überholten
religiösen Auffassungen bejahte, legte er doch den Nachdruck auf die "konstruktive"
Aufgabe freien Christentums, "das Hinweisen auf die religiösen Werte der
Symbole, der Worte, der Begriffe" (79/1/15).
Dass es im Sinne der Meinungsvielfalt innerhalb des freien Christentums auch um
diese Position Kontroversen gab, ist nicht verwunderlich. Schon früher hatte es
in Fragen der Christologie unterschiedliche Auffassungen gegeben, die sich wie
bei Hans Pribnow mit seiner betonten Unterordnung des irdischen Jesus unter den
einen Gott eher an Albert Schweitzer, oder wie bei Hermann Marhold mit seinem
Verständnis von Christus als einer überzeitlichen, zu Gott hin und von Gott her
transparenten Wirklichkeit eher an Paul Tillich anlehnten (64/4/42;
64/6/71-73). Dass sich die Dogmen wirklich symbolisch aneignen lassen und dies
noch einem weiteren Kreis zu vermitteln sei, bestritt Ulrich von Hasselbach
(75/12/170), während sich Hellmut Haug in dieser Frage der Position Ulrich
Manns zugesellte und den "Gesamtkomplex des christlichen Dogmas als
symbolische Gestaltwerdung der in Christus erschlossenen Freiheit"
verstanden wissen wollte (75/5/76). Zwischen beiden kam es 1978 zu einer
Kontroverse, bei der sich Hans Pribnow und Kurt Werner der Meinung von
Hasselbachs anschlossen, während Hansjörg Jungheinrich (1907-2000) im Sinne
Haugs votierte.
Die Zeitschrift erwies sich überhaupt als ein geeignetes Forum, um im Für und
Wider die Spielarten eines freien Christentums auszuloten. Zwischen Paul
Schwarzenau und Peter Gerlitz kam es zum Disput über die Frage nach einem
gemeinsamen Grund der Religionen (79/6/104-111; 79/9/152-1 55), zwischen Paul
Schwarzenau und Hansjörg Jungheinrich über die "Dunkelseite Gottes"
(81/7-8/127-138; 81/11/195-201), zwischen Andreas Rössler und Hellmut Haug über
das Verhältnis von Gnade und Freiheit (82/7-8/131-139).
5. Das Jahrzehnt seit 1978 und Ausblick
Zur Frankfurter Arbeitstagung 1978 konnte ein Faltblatt des Bundes vorgelegt
werden (78/3/74f), in dem die wesentlichen Programmpunkte des Bundes knapp
zusammengefasst sind, von "der Gestalt und den Weisungen Jesu
Orientierungshilfen" erwartet werden und als erstes Anliegen
"religiöse Besinnung und Erneuerung" genannt wird.
In einer Zeit, in der die Mystik wieder ernst genommen und verschiedene Formen
der Meditation praktiziert werden - beides wird in den "Leitsätzen"
von 1982 ausdrücklich positiv erwähnt (82/5/93-96) -, legte sich ein solcher
Akzent nahe. Zugleich wurde die Weltverantwortung betont und die
innerkirchliche Vielfalt bejaht. Zwei der im Faltblatt genannten "Angebote"
sind inzwischen überholt: Konfirmationsvorbereitungskurse mit abschließender
Konfirmation" sowie "Rechtsbeistand im Falle von Konflikten mit
kirchlichen Stellen".
Auch gegenwärtig wird um den Weg des Bundes für Freies Christentum gerungen.
Während Ulrich von Hasselbach weiter nach zeitgemäßen Formen eines
"alternativen Christentums" sucht und sich im Rahmen der
Landeskirchen eigene freichristliche Gemeinden "innerhalb eines
Dachverbandes nach bremischem Muster" (86/12/ 676) vorstellen kann, suchen
andere stärker den gesamtprotestantischen Konsens. Alle hoffen sie, dass
Professor Heinz Röhrs Wort von 1971 gelten möge: "Der Bund für Freies
Christentum kann zur Vorhut einer bedeutsamen Bewegung innerhalb des
Protestantismus werden, der es um Wahrhaftigkeit und denkerische Redlichkeit in
der heutigen Glaubenskrise geht" (71/1/4).
Auch wenn Werte wie Wahrhaftigkeit, Freiheit, Toleranz und "Ehrfurcht vor
dem Leben" nicht auf das freie Christentum beschränkt sind, von seinen
organisierten Formen ganz zu schweigen, werden sie dort doch besonders hoch
geschätzt. Sie bedürfen der Pflege, um nicht zu kurz zu kommen. Das Profil des
freien Christentums liegt heute vielleicht nicht so sehr in innerkirchlichen
Auseinandersetzungen. Könnte das freie Christentum darin eine Vorhut des
Protestantismus sein, daß es einerseits zu den Suchenden und Fragenden am Rande
und außerhalb der Kirche gewiesen ist, und andererseits zur Begegnung mit
Menschen anderen Glaubens?
Die bisherigen Präsidenten des Bundes für Freies Christentum:
1948-1953 Walter Bülck, Theologieprofessor
1953-1960 Georg Wünsch, Theologieprofessor
1960-1970 Rudolf Daur, evangelischer Pfarrer
1970-1987 Ulrich Mann, Theologieprofessor
1987-1995 Udo Tworuschka, Theologieprofessor
1995-2002 Hans-Hinrich Jenssen, Theologieprofessor
seit 2002 Werner Zager, Theologieprofessor