Kreuz im Andachtsbereich der Akademie Wittenberg

Jahrestagung 2011
des Bundes für Freies Christentum

 

„Glaubwürdig von Gott reden“.
Im Gespräch mit Paul Tillich

Bericht von der Jahrestagung 2011 des Bundes für Freies Christentum
vom 7. bis 9. Oktober 2011 in der Evangelischen Akademie der Lutherstadt Wittenberg

von Dr. Andreas Rössler

Die Jahrestagung 2011 des Bundes für Freies Christentum fand vom 7. bis 9. Oktober 2011 in der Evangelischen Akademie der Lutherstadt Wittenberg statt, wieder als Kooperationstagung. Sie wurde von etwa 60 Personen besucht. Es ist vorgesehen, die Vorträge in einem von Werner Zager herausgegebenen Band zu veröffentlichen. Die Andacht von Pfarrerin Dorothea Zager und die Predigt von Akademiedirektor Friedrich Kramer sollen in der Zeitschrift Freies Christentum abgedruckt werden.

(Ein Bericht über die Mitgliederversammlung folgt demnächst.)



Akademiedirektor Pfarrer Friedrich Kramer

Akademiedirektor Pfarrer Friedrich Kramer (Wittenberg) verwies zu Beginn der Tagung darauf, dass in Wittenberg nur etwa 11 Prozent einer christlichen Kirche angehören: „Viele in Ostdeutschland stellen sich die Frage nach Gott nicht mehr.“ Umso wichtiger war gerade an diesem Ort das Tagungsthema: „Glaubwürdig von Gott reden. Im Gespräch mit Paul Tillich (1886-1965)“. In einem Diskussionsbeitrag meinte der ebenfalls ostdeutsche Theologe Professor Dr. Bernd Hildebrandt, das „religiöse Bewusstsein“ könne „verschüttet sein. Vielleicht muss es heute oft aufgerüttelt werden, statt dass man quasi selbstverständlich daran anknüpfen kann.“



Professor Dr. Werner Zager (Worms) unternahm in seinem Eingangsreferat „Versuche, von Gott zu reden“, einen exemplarischen „Streifzug durch die liberale Theologie“. Julius Kaftan (1848-1926) stand als „Vermittlungstheologe“ eher am Rand der liberalen Theologie, während Wilhelm Herrmann (1846-1922), Wilhelm Bousset (1865-1920) und Ernst Troeltsch (1865-1923) zu deren prägnantesten Vertretern gehören.

Für Kaftan ist Gott „geistige Persönlichkeit“ und „die höchste Energie des persönlichen Wollens“. So lässt sich Gott nicht „wissenschaftlich“ erfassen, sondern nur im Glauben erkennen, und zwar auf Grund der göttlichen Offenbarung, die in der inneren persönlichen Erfahrung aufgenommen wird. „Offenbarung“ vollzieht sich nach Kaftan in einer geschichtlichen Entwicklung und die „Christusoffenbarung“ ist die „Zusammenfassung des ganzen Offenbarungsgeschehens“.

Prof. Dr. Werner Zager

Auch für Herrmann ist die göttliche Offenbarung in unserem - immer auch ethisch geprägten - Erleben zugänglich, als „Erfahrung der Abhängigkeit und der Freiheit“. Glauben ohne eigenes Erleben wäre nicht wahrhaftig: „Der wirklich fromme Mensch will nur der selbst erkannten Wahrheit folgen.“

Bousset führt schon stark auf Tillichs Theologie hin: „Die Situation des Menschen in einer rätselhaften Welt ist die Frage, auf die Gott die Antwort ist.“ Gott ist nicht „unterpersönliches, naturhaftes Sein“, sondern „geistig-persönlich“. Das Reden vom „persönlichen Vatergott“, grundlegend bei Jesus, ist „symbolisch“ zu verstehen und kann so „der Welterkenntnis standhalten“.

Auch für Troeltsch, von dem Tillich stark beeindruckt war, ist Gott personhaft und dabei unbedingt gut. Mit seiner Lehre von einer „fortschreitenden Offenbarung“ und seiner These, zwischen christlicher und außerchristlicher Offenbarung gebe es keine absolute, sondern nur eine quantitative Differenz, nimmt er schon die moderne pluralistische Religionstheologie vorweg.

Zager fasste die Grundübereinstimmung dieser vier Theologen zusammen und gewann damit Gesichtspunkte für ein glaubwürdiges Reden von Gott: (a) Christlicher Glaube ist nicht „dogmatisches Fürwahrhalten“, sondern hat Gotteserfahrung zur Voraussetzung. (b) Gott ist „personhaft“ in einem doppelten Sinn: „nicht weniger, sondern mehr als Person“. (c) Alles Reden von Gottes Personhaftigkeit ist symbolisch.



Pfarrer Dr. Andreas Rössler hatte unter der Überschrift „Was uns unbedingt angeht“ in „Paul Tillichs Reden von Gott“ einzuführen.

(a) Der Ansatz Tillichs ist „existenzial“ und „ontologisch“ zugleich: Tillichs Gottesbestimmung „Was uns unbedingt angeht“ ist existenzbezogen. Die nähere Ausführung ist seinsbezogen (ontologisch): „Nur das geht uns unbedingt an, was über unser Sein oder Nichtsein entscheidet.“

Pfarrer Dr. Andreas Rössler

(b) Die durchgängige Methode Tillichs ist die der „Korrelation von Frage und Antwort“ bzw. von „Situation und Botschaft“. Nicht die Situation als solche findet in der christlichen Botschaft eine Antwort, sondern die in der Situation aufbrechende Frage nach dem Sinn, dem Ganzen, dem Wieso und Warum.

Im Gottesverständnis selbst begegnet diese Korrelation in einer Grundunterscheidung Tillichs: Unabweisbar, unvermeidbar stellt sich die Frage nach „dem Unbedingten“ bzw. „dem Sein-Selbst“, der alles umgreifenden Daseinsmacht. Sie ist zunächst namenlos. Was das wahre Gesicht dieser Dimension des Absoluten ist, wie wir also mit dem Absoluten dran sind, darauf versucht die jeweilige religiöse Botschaft zu antworten, ob diese nun christlich oder etwa materialistisch-atheistisch ist oder was sonst. Mit dieser Grundunterscheidung zeigt Tillich die Notwendigkeit von Religion auf und findet so die Plattform, auf der Menschen verschiedener Überzeugungen um die Wahrheit ringen können.

(c) Nach Tillich ist alles konkrete, spezifische Reden vom Göttlichen bzw. von Gott symbolisch-gleichnishaft (etwa: Gott ist die Liebe; Gott ist Person) und weist über das Gesagte hinaus auf die immer größere göttliche Wirklichkeit. Dagegen ist das inhaltlich noch ganz offene Umschreiben der „göttlichen Dimension“ etwa als „das Unbedingte“ oder „das Sein-Selbst“ abstrakt-philosophisch und weist nicht über sich hinaus.

Ein Grenzgedanke Tillichs ist sein Reden von „Gott über dem Gott des Theismus“. Dabei kann Tillich mit „Gott über Gott“ einfach betonen, dass der uns zentral in Jesus als dem Christus begegnende Gott unendlich mehr ist als Person und dass wir uns ihm immer nur annähern können. Er kann hier aber auch im Sinn seiner Grundunterscheidung an die „göttliche Dimension“ denken, in der das Absolute noch völlig unbestimmt und namenlos ist. Ernsthafte Agnostiker, also Menschen, die keine Glaubensgewissheit haben, sondern ganz vom Zweifel an allen Aussagen eines „konkreten“, spezifischen Glaubens an Gott bzw. das Göttliche erfasst sind und die darüber, dass sie einen bleibenden Daseinssinn nicht zu erkennen vermögen, zu verzweifeln drohen, können immer noch in einem „absoluten Glauben“ an der Idee der Wahrheit und des Absoluten festhalten. Vielleicht können sie sich sogar daran klammern, dass sie immer schon etwas wert sind und dass sie bejaht sind, auch wenn ihnen eine sie bejahende letzte Instanz verborgen bleibt.

Tillichs Nachdenken über Gott ist philosophisch und theologisch zugleich. So kann man sich auch mit der gar nicht selbstverständlichen christlichen Botschaft Suchenden, Zweifelnden, Andersgläubigen und „Ungläubigen“ immerhin verständlich machen.



Prof. Dr. Bernd Hildebrandt

Professor Dr. Bernd Hildebrandt (Greifswald), der sein ganzes theologisches Berufsleben in Ostdeutschland verbracht hat, demonstrierte in seinem Referat „Sich mit Vernunft Gott annähern? Zwischen Philosophie und Theologie“ seine Übereinstimmung mit Tillichs Denken und Reden von Gott. „Was meint der Begriff ‚Gott’? Auf welche Wirklichkeit bezieht sich der Begriff ‚Gott’?“ Die Philosophie hat mit notwendigen menschlichen Fragen zu tun. So ist sie auch „mit Themen des Glaubens befasst, die in der Bibel eine Antwort finden“. Christliche Theologie knüpft an die Fragen und Aussagen der Philosophie an und entwickelt kein eigenes „Sprachspiel“, auch wenn der biblische Gottesglaube gegenüber der Philosophie bzw. der Metaphysik „Sprengkraft“ besitzt. Entgegen der „Innenperspektive“ bei Karl Barth, wonach der Glaube dem Wort Gottes nach-denkt, ist „der Glaube im Horizont der allgemeinen Wahrheiten zu verantworten“.

„Glaube ist Vertrauen. Aber worauf richtet sich der Glaube?“ Hier bedarf es einer „Wegbereitung des Glaubens durch die Arbeit der Vernunft“. Hildebrandt zitierte den systematischen Theologen Wolfgang Trillhaas: „Der Weg zum Glauben kann nicht mehr gegen die Vernunft beschritten werden.“ Man muss also Gemeinsamkeiten von Vernunft und Glaube aufspüren. Auf diesem Hintergrund ergibt sich dann „das Profil der eigenen christlichen Überzeugung“.

„Vernunft“ ist keinesfalls auf die „instrumentelle Vernunft“ einzuschränken und ist mehr als rationales Denkvermögen. Eine „weite Vernunft“ bedeutet „die Hinordnung des Denkens auf die Wirklichkeit“. Vernunft zielt auf „Wahrheit im Gesamtzusammenhang der Wirklichkeit“. Sie fragt nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe). „Was hat diese Welt (inklusive Urknall) konstituiert? Was ist die Bedingung für die Möglichkeit der Welt?“

Im Anschluss an Immanuel Kant betonte Hildebrandt die „Grenzen der wissenschaftlichen Vernunft“. Somit ist ein Dilemma auszuhalten: Einerseits fragt die Vernunft „nach Wahrheit schlechthin. Sie ist ausgerichtet auf das Ganze und Letzte.“ Andererseits ist „das Erkenntnisvermögen des Menschen für das Letzte nicht ausgelegt“. Jede „wissenschaftliche Weltanschauung“ ist in Grenzen gewiesen. „Das Transzendente geht über die Erfahrung der Welt hinaus.“ Das bedeutet nicht, dass man im Agnostizismus stecken bleiben muss. Doch sind (auf die Sinnfrage antwortende) „Weltanschauung“ und „Glaube“ nicht mit Beweisen zu zementieren. Es handelt sich um Überzeugungen, die man nicht machen kann, sondern die sich ereignen.

Hildebrandts ständige Auseinandersetzung mit dem Atheismus zeigte sich in seinem Hinweis, der christliche Gottesglaube sei „nicht mit jedem Weltbild vereinbar“, also zum Beispiel nicht mit Positivismus, Naturalismus oder Materialismus. Dagegen habe der christliche Glaube eine Nähe zu „idealistischem Denken“ etwa auf der Linie Hegels, nach welchem „der ganzen Weltwirklichkeit eine geistige Wirklichkeit voraussteht“. „Der Glaube an Gott setzt ein geistiges Prinzip voraus!“



Pfarrer Dr. Martin Schuck

Einen geradezu gegenteiligen methodischen Anmarschweg ging Pfarrer Dr. Martin Schuck (Speyer), Verlagsleiter und Publizist, in seinem Referat „Wie können wir von Gott glaubwürdig reden? Das Verschwinden Gottes aus dem Alltag als Herausforderung für Christen heute“. Voraussetzung eines glaubwürdigen Redens von Gott ist für Schuck nicht ein „unbestimmtes Transzendenzverständnis“, wie er es in der „Zivilreligion“ findet, zum Beispiel in öffentlichen Trauerfeiern, bei denen „eine überkonfessionelle Gottesvorstellung“ gefragt sei und „kein Gott, der einen Wahrheitswert hätte“. „Glaubwürdig“ sei die Rede von Gott „durch die Orientierung an den Gewissheiten der Glaubensgemeinschaft“. „In Christus lässt Gott sein wahres Wesen sichtbar werden.“ Der evangelische Theologe Schuck stellte das christliche Reden von Gott von vornherein (und nicht erst in einem zweiten Schritt) in den Rahmen einer reformatorisch akzentuierten Trinitätslehre: „Gott ist dreieinig. Von der zweiten Person der Trinität, von Christus her ist das Gottesverständnis konzipiert. Gott ist nur als der Dreieinige erkennbar und aussagbar.“ Das bedeute „drei Zugänge zu Gott: Gott ist Schöpfer, Erlöser und Sammler der Gemeinde.“

So scheint sich Schuck, um Tillichs Grundunterscheidung aufzugreifen, nicht für „die göttliche Dimension“ zu interessieren, sondern nur für „das wahre Profil des Göttlichen“. Gibt es dann noch eine gemeinsame Verstehensbasis mit denen, die nicht gläubige Christen sind? Diese suchte Schuck freilich auch und ist dann der Sache nach doch bei Tillichs Anmarschweg: „Die Suche nach Sinn ist der Ort, an dem Gott auftaucht.“ Man müsse im Zeugnis von Gott „ansetzen bei den Sinnfragen des modernen Menschen. Es gibt bei diesem einen Deutehunger.“

Die christliche Antwort auf die Sinnfrage liegt für Schuck heute auf der Linie einer modern umgeformten reformatorischen Rechtfertigungslehre. Der Einzelne leide unter der „Pflicht zur Selbstbestimmung des Lebens“. Ferner sei „die Frage nach dem gnädigen Mitmenschen und der gnädigen Gesellschaft mehr als anstrengend“. Jetzt aber sei der Einzelne vor Gott gestellt, und zwar in Gemeinschaft mit anderen. Aus der „am Evangelium orientierten Kommunikation mit Gott“ gewinne er die „Freiheit zur Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung“ und könne „in der Freiheit der Erlösten handeln“.



Pfarrer Dr. Wolfgang Pfüller

Pfarrer Dr. Wolfgang Pfüller (Eisenach) sprach zum Thema „Das Gottesverständnis im interreligiösen Dialog – ein Testfall komparativer Theologie“. Seine Fragestellung war weniger, wie Christen ihren Gottesglauben im Gegenüber zu Suchenden, Zweifelnden, Agnostikern, Atheisten oder religiös Gleichgültigen verantworten können, sondern der christliche Gottesglaube im Gegenüber zu dem anderer monotheistischer Religionen. Dabei fand er eine Menge Anregungen und Anfragen seitens verschiedener Religionen.

Der Hinduismus gilt im Allgemeinen als polytheistisch. Doch sind die Übergänge zwischen Polytheismus und Monotheismus oft fließend, denn bei der Vielfalt des Göttlichen handelt es sich um „verschiedene Manifestationen und Erfahrungen der einen Gottheit“. Jüdischer und islamischer Monotheismus dagegen sind „streng monarchisch“: „Nichts darf Gott an die Seite gestellt werden. Gott ist die eine höchste Wirklichkeit, da kann es keine zweite geben.“ In Judentum und Islam „hat die Transzendenz Gottes einen Vorrang vor seiner Immanenz“. Im Judentum ist „die Inkarnation“, d.h. die Menschwerdung des ewigen Gotteswortes, „nicht an ein einziges Wesen gebunden. Das Menschliche kann nicht Gott werden.“ Im Islam „offenbart Gott nicht sich selbst, sondern seinen Willen“.

Aus christlicher Sicht „ist Jesus die hervorragendste Offenbarung Gottes“. Das muss nach Pfüller aber nicht bedeuten, den christlichen Gottesglauben von vornherein „trinitarisch“ zu bestimmen: „Die neutestamentlichen Aussagen über Jesus lassen hier einen weiten Spielraum zu.“ Jesus sei auch nicht ohne Fehler gewesen. Seine Einsicht sei begrenzt gewesen. Der Messias in der Bibel sei „nicht gottgleich, sondern eine hervorragende menschliche Person“. Pfüller zitierte das Jesus-Wort Markus 10,18: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.“ Pfüller stellte in Frage, ob „Inkarnation“ und „Trinität“ heute noch angemessene Symbole seien. Die Trinität etwa als Ausdruck von „Gottes liebender Gemeinschaft mit sich selbst“ zu deuten, „grenze an haltlose Spekulation“.

Für einen „kritischen Vergleich“ der Gottesverständnisse in den verschiedenen Religionen gab Pfüller im Anschluss an das „ontologische Argument“ Anselms von Canterbury ein doppeltes, und zwar formales und nicht inhaltliches Kriterium: „(1) Gott ist das, über das hinaus nichts gedacht werden kann. (2) Gott ist größer als alles, was von ihm gedacht werden kann.“ Das liegt ganz auf der Linie dessen, was Tillich in seiner Umschreibung der Dimension des Göttlichen als „das Unbedingte“ oder „das Sein-Selbst“ bezeichnet hat.



Pfarrerin Martina Gnadt

Pfarrerin Martina Gnadt (Kassel) beleuchtete das „glaubwürdige“ Reden von Gott im Blick auf Spiritualität und Gottesdienst: „’Vater unser’. Wahrhaftiges Reden von Gott in Gebet und Liturgie“. Gebet und Gottesverständnis hängen eng miteinander zusammen. Aus der christlichen Überlieferung griff sie etwa Martin Luther auf. Für ihn heißt beten zugleich, sich anzuvertrauen, sich auszuliefern. Für Sören Kierkegaard ist das Beten „ein Hineinwachsen in die Stille vor Gott; ein Warten, bis der Betende Gott hört“. Für Dorothee Sölle ist das Gebet „zweckfrei“. Man darf „Gott zu nichts zwingen“. Es gilt, „sich auch im größten Leid an Gott zu klammern und damit zu rechnen, dass Gott seine Beziehung zu uns nicht aufgibt“. Gnadt bezog sich, auf dem Hintergrund des Holocaust und der sonstigen Massenmorde im 20. Jahrhundert, auch auf den jüdischen Theologen Abraham J. Heschel (1907-1972). Für ihn bedeutet „Gegenwart Gottes, dass die Verzweiflung weicht. In der Qual darf man an Gott und sein Erbarmen denken. Das wunde Herz merkt, wenn es angerührt wird. Wir spüren, dass wir gehalten sind“.

Tillich kam durch zwei seiner (freilich nie von ihm autorisierten und erst posthum veröffentlichten) Frühpredigten zu Wort. In einer Feldpredigt von 1916 suchte der damalige Militärpfarrer Tillich die Soldaten in den Massenschlachten an der Westfront mit dem Gedanken aufzurichten, Gott der Vater habe Interesse an uns, aber nur er wisse, wieso Millionen Menschen im Krieg sterben müssen. Gnadt fragte: „Schickt Gott uns in den Kampf gegen Ungerechtigkeit und schickt er zugleich die Ungerechtigkeit?“

„Wie weit passt sich ein religiöses Symbol den Bedürfnissen der Zeit an, um überhaupt noch Sinn zu machen?“ Und wann geht das nicht mehr, sodass es insgesamt fallen gelassen werden muss? Gnadt warf diese Frage auf. Sie zeigte sich kritisch gegenüber Symbolen, in welchen eine „Allmacht“ Gottes ausgedrückt ist.

In der Schlussrunde zur Gesamtthematik betonte Professor Dr. Bernd Hildebrandt, der christliche Glaubensinhalt müsse „kompatibel“ (vereinbar) mit dem sein, „was sonst gedacht und gelebt wird“. Zum christlichen Glaubenszeugnis gehöre dabei auch das „stille Lebenszeugnis“. Verschiedene Tagungsteilnehmer nannten es ein Defizit der Kirche, dass beim „Sprechen über Gott“ die normalen Kirchenmitglieder „zu wenig zu Wort kommen“. Jeder müsse selbst sagen können und sagen, was er glaube.

Andreas Rössler