Mensch und Mythos
Braucht der christliche Glaube mehr als das rational Erklärbare?
Bericht
von der
Jahrestagung 2009 des Bundes für Freies Christentum
vom 25. bis 27. September in Berlin-Schwanenwerder
von Dr. Andreas Rössler und Dorothea Zager
Andreas Rössler Die Jahrestagung 2009 des Bundes für Freies Christentum fand vom 25. bis 27. September 2009 in Berlin statt, in der am Wannsee gelegenen Evangelischen Bildungsstätte auf Schwanenwerder, die zur Evangelischen Akademie zu Berlin gehört. Sie wurde von 60 Personen besucht.
Anlass des Tagungsthemas "Mensch und Mythos - Braucht der christliche Glaube mehr als das rational Erklärbare?" war der 125. Geburtstag des evangelischen Theologen Rudolf Bultmann (20. August 1884 bis 30. Juli 1976), eines der großen Gelehrten des 20. Jahrhunderts, der von 1921 bis 1951 an der Universität Marburg Neues Testament lehrte. Mit seinem Programm der "Entmythologisierung" der Bibel wurde er weit bekannt, war und ist aber in kirchlichen Kreisen auch umstritten.
Die Tagung wurde von Pfarrerin Dr. Erika Godel von der Evangelischen Akademie zu Berlin begleitet. Es ist vorgesehen, 2010 die Vorträge in einem von Werner Zager herausgegebenen Band im Neukirchener Verlagshaus zu veröffentlichen. Sowohl die Predigt von Pfarrerin Dorothea Zager über Johannes 11 (die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus) als auch die von Pfarrer Dr. Wolfgang Pfüller präsentierte Erinnerung an den Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) werden in der Nummer 1/2010 der Zeitschrift Freies Christentum abgedruckt sein.
Professor Dr. Werner Zager, der Präsident des Bundes für Freies Christentum, fragte in seinem Eingangsreferat: "Wer war Rudolf Bultmann, dieser Mensch, dieser Theologe?" Er betonte den schon beim Studenten Bultmann hervortretenden "radikalen Willen zur Wahrheit" als ein "Erbe der liberalen Theologie", das der Gelehrte immer festgehalten habe. Auch wenn er dann als von Karl Barth beeinflusster Theologe der liberalen Theologie vorwarf, sie handle vom Menschen und nicht von Gott, wo doch Gott "der Gegenstand [!] der Theologie" sei, hat er selbst doch die "Wahrheit und Freiheit des Denkens", das "Ja zu intellektueller Wahrhaftigkeit und Eigenständigkeit des theologischen Denkens" nie preisgegeben. Die liberale Theologie hat nach Bultmann ihre bleibenden Verdienste in der "historischen Kritik", aber sie leide an "einer verschwommen idealistischen Auffassung von der Offenbarung", von "Jesus als Persönlichkeit".
Gott bedeutet für Bultmann "das Gericht über den Menschen". Man muss sich "unter das Gericht stellen, und so erfährt man Gnade". Hier meint Zager freilich, Bultmann habe vom Menschen "zu gering gedacht", und schließlich sei "das Reich Gottes auch ein ethisches Projekt".
Zager zitierte berühmt-berüchtigte Sätze aus Bultmanns Entmythologisierungsvortrag, den er 1941 in Alpirsbach unter dem Titel "Neues Testament und Mythologie" gehalten hatte: "Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht."
Wie können wir als Christen mit mythischer Rede und mythologischen Vorstellungen umgehen? Das war eine zentrale Frage Bultmanns. Dabei sind freilich begriffliche Unschärfen zu berücksichtigen. "Mythologie" meint bei Bultmann eine Göttergeschichte und eine Denkweise, in der Jenseitiges als diesseitig vorgestellt ist und in der zudem Gott auf wunderhaft-mirakulöse Weise in das Weltgeschehen eingreift. "Mythos" im weiteren Sinn dagegen ist eine Ursprungsgeschichte oder Orientierungsgeschichte, die nicht in jedem Fall an ein "mythologisches", überholtes Weltbild gebunden sein muss.
Bultmanns "Entmythologisierung" vollzieht sich als "existenziale Interpretation": Die neutestamentliche Mythologie ist nicht zu "eliminieren", sondern zu "interpretieren". Die Aussagen des Neuen Testaments betreffen die menschliche Existenz. Nach Bultmann lässt sich aufgrund des Wortes der Verkündigung, in dem mir der auferstandene Christus begegnet, das christliche Existenzverständnis etwa folgendermaßen charakterisieren: Sind mir durch Gott die Sünden vergeben, so lebe ich aus der Gnade. Nun kann ich mich von mir selbst wegwenden und alle Sicherheit preisgeben. In der Liebe erweise ich mich als neues Geschöpf.
Bultmann, von Anfang an ein konsequenter Gegner des Nationalsozialismus, lebte im Spannungsfeld von Humanismus und Christentum. Er war ein begeisterter Klavierspieler und konnte passabel zeichnen. Die Literatur blieb sein "Lebenselexier", wie auch aus den zahlreichen Poesie-Zitaten in seinen Predigten ersichtlich ist. In seinem Haus trafen sich Gelehrte und Bekannte, um miteinander altgriechische Texte zu lesen. Dorothea und Werner Zager stellten Bultmann als Märchenerzähler vor. Seiner Braut hatte der junge Wissenschaftler von Breslau aus selbstverfasste Märchen geschickt.
Der katholische Diplomtheologe und Lehrer am Dortmunder Berufskolleg Sebastian Bialas (Bochum) fragte nach "Symbol und Mythos in der christlichen Kunst" am Beispiel von "Drache, Lamm und Posaunen". Dabei ging er von dem Grundsatz aus, dass "Gott größer ist als alles, was gesehen und gedacht werden kann". Alles Reden von Gott und Gotteserfahrungen ist "analog", also gegenüber der gemeinten göttlichen Wirklichkeit im besten Fall "ähnlich", dies aber bei immer größerer "Unähnlichkeit". Man kann auch sagen: Von Gott können wir nicht anders als symbolisch-gleichnishaft reden.
Diese Symbole entfalten sich in Erzählungen und damit in Mythen als Großerzählungen oder Ursprungsgeschichten. "So ist christlicher Glaube ohne Mythen nicht denkbar." Bialas meinte als Theologe und als Kunsthistoriker: "Wir brauchen Formen, Mythen und Bilder, um Energien für die Gegenwart freizusetzen." Was kann aber dabei das Bild, was die Sprache nicht kann? "Das Bild kann unaufgelöste Gegensätze darstellen."
Freilich ist dann zu fragen, wie sich bei den christlichen Mythen die "Projektionen unserer Wünsche" vom "wahrhaftigen Hören des Wortes Gottes" unterscheiden lassen. Auf die Frage, was das Kriterium dafür ist, ob Mythen und Bilder lügen oder nicht, sagte Bialas: "Wir brauchen mythische Erzählungen und kritischen Geist. In dieser Spannung gilt es zu glauben." Und weiter: "Bei Bildern muss das persönliche Ringen um die Wahrheit eingeschrieben sein."
Der "Mythenschatz der christlichen Offenbarung ist durch die Bildende Kunst zu heben". Dies verdeutlichte Bialas an bildlichen Darstellungen von "Drache, Lamm und Posaunen", drei apokalyptischen Symbolen aus der Offenbarung des Johannes. Der Drache steht für das Böse, das Lamm für den sich aufopfernden und geopferten Jesus, der aber zugleich über der Welt thront, und die Posaunen haben Signalfunktion. Wie sehr Bilder in einem bestimmten Zusammenhang sprechen können, zeigte Bialas anhand des Altarwandbildes (1963) von Georg Meistermann (1911-1990) in der katholischen Kirche "Maria Regina Martyrum" in Berlin-Plötzensee nahe dem Gefängnis mit der Hinrichtungsstätte, in der zahlreiche Gegner der Nazi-Diktatur ermordet wurden.
Die Gymnasiallehrerin und Privatdozentin Dr. Gabriele Klappenecker (Asperg bei Ludwigsburg) fragte unter der Überschrift "Nicht nur Kinder lieben Geheimnnisse" nach "dem Reiz des Unergründlichen aus religionspädagogischer Sicht". Unter dem "Unergründlichen" versteht die evangelische Theologin die Transzendenz, das Göttliche. Sie entfaltete das Thema einerseits aus ihren Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern, andererseits aus ihrer Beschäftigung mit dem Theologen Friedrich Schleiermacher und den Philosophen Wilhelm Dilthey und Otto Friedrich Bollnow - und mit Bultmann, der von Schleiermacher und Dilthey beeinflusst und wie Bollnow der Existenzphilosophie verbunden war.
Für Klappenecker erweist sich "die Unergründlichkeit des Lebens" in der "religiösen Grundveranlagung jedes Menschen" und dann im "Geschenkcharakter des Lebens", ferner in den "Grenzerfahrungen im Leben, welche die religiöse Unmittelbarkeitserfahrung öffnen", die wir nicht selbst machen können, und im "Leben aus dem Tod", indem sich "Gott in das von ihm geschaffene Leben als Leben schaffend hineinbegibt".
"Der Mensch ist zu klein, um den großen Geist dahinter zu sehen", zitierte Klappenecker eine Gymnasiastin. Die "Geheimnishaftigkeit und Unergründlichkeit des Lebens" kann auch nicht durch eine Entschlüsselung des menschlichen Genoms enträtselt werden. Soll das Leben gelingen, dann darf es auf keinen Fall verzweckt werden. "Leben ist der Gegenbegriff zur Verzweckung."
Vom Begriff des "Lebens" her erschließen sich für Klappenecker Symbole, Mythen und Bilder. So wollte Schleiermacher das "Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit" in Anschauungen ausdrücken, "wie das Leben sie uns bietet". Dilthey fand im Erleben die "Erfahrung der Unergründlichkeit des Lebens". Das lässt sich dann "nacherleben" und "nachbilden", denn "das geistige Leben objektiviert sich im Ausdruck, der schöpferisch ist". Nur ist das Nacherleben und Nachbilden immer schon "Deutung des Lebens" und "man kann nicht hinter das Leben kommen". Bollnow fand ebenfalls "die Selbsterfahrung des Lebens festgemacht in einem letzten Grund". In der "Ehrfurcht" wird "die Tiefe des Daseins" in seiner "Unergründlichkeit" anerkannt. So geschieht "Rückbindung an das Heilige". Bultmann schließlich näherte sich vom "Lebensbezug" her den biblischen Texten.
Pfarrer Dr. Matthias Dreher (Friedberg) beschäftigte sich mit der "Entmythologisierung praktisch", insbesondere anhand der Predigten Bultmanns. Auch der praktische Theologe Walter Bülck (1891-1952), von 1948 bis 1952 der erste Präsident des Bundes für Freies Christentum, wollte die entscheidenden Glaubensaussagen aus den "alten Schalen" herausschälen. Er wollte die biblischen Aussagen aber in das heutige Weltbild einkleiden, während sie Bultmann von jeglichem Weltbild loslösen wollte.
Die biblischen Mythen findet Bultmann vom Weltbild der Antike bestimmt. Aber eigentlich geht es dem Mythos um "die Artikulation eines Weltverständnisses". Der biblische Mythos ist für Bultmann "eine autoritative Lehre, die dem Menschen Sinn und Ziel seines eigenen Seins in der Welt zu erschließen verspricht und ihm eine entsprechende Lebenshaltung vorschreibt" (1927). Im Mythos wird "verobjektiviert", dass der Mensch vom Transzendenten bestimmt ist.
So ist die "Entmythologisierung" in der "existenzialen Interpretation" auszuführen. Dabei ist Bultmann von dem Philosophen Martin Heidegger (1889-1976) beeinflusst. Nach Heidegger kann der Mensch "uneigentlich" oder "eigentlich" existieren. Nach Bultmann wird der Mensch nur durch die christliche Botschaft (das "Kerygma") zur "offenen geschichtlichen Existenz" und damit zur "Eigentlichkeit" befreit. Mit "existenzial" ist eine allgemeinmenschliche Analyse gemeint, mit "existenziell" die persönliche Betroffenheit. Über das "Existenziale" kommt Bultmann an das "Existenzielle", und hier heißt es "tua res agitur" (= deine Sache wird abgehandelt). Das Existenziale der Gnade, wie es in der Theologie ausgearbeitet wird, führt zur existenziellen Anrede in der Verkündigung. Diese vollzieht sich, wie bei Martin Luther, in der Spannung von "Gesetz und Evangelium": Das "Gesetz" Gottes stellt uns unter ein Sollen, das wir in Vernunft und Gewissen erkennen. Das "Evangelium" rettet aus dem Scheitern, indem es die Vergebung zuspricht.
Ein Beispiel für eine mit Entmythologisierung verbundene existenziale Interpretation ist Bultmanns Auslegung des "wunderbaren Fischzugs" Petri (Lukas 5,1-11). In dieser "frommen Dichtung" weiß sich Petrus in Gottes Schöpferhand. Das Wort der Gnade schafft ihn neu. In vielen Predigten Bultmanns kommt aber die Entmythologisierung gar nicht vor, weil sich im betreffenden Bibeltext nichts Mythisches findet, etwa in den Gleichnissen Jesu. Die existenziale Interpretation ist also nicht nur auf Mythen anzuwenden.
Pfarrer Dr. Andreas Rössler, der Verfasser dieses Tagungsberichts, ging den Begriffen "Vernunft, Mysterium und Mythos" nach und erweiterte das Tagungsthema zur Frage "Brauchen wir mehr als das rational Erklärbare?" Er ging aus vom "Mythos" im weiteren Sinn, als einer Ursprungserzählung oder Orientierungsgeschichte für eine Gruppe, die durch ihre Mythen zusammengehalten wird, Sinn entdeckt, ja schließlich sogar Antworten findet auf die Fragen nach dem Woher und Wohin des Daseins. Davon unterschied er den "Mythos" im engeren Sinn wie bei Bultmann, wonach der religiöse Mythos eine Göttergeschichte ist, in der von Gott "mythologisch" gedacht und geredet wird, als sei er ein Wesen neben anderen Wesen und greife von Zeit zu Zeit mirakulös in das Weltgeschehen, die Natur und das Menschenleben ein.
"Mythos" im weiteren Sinn ist unverzichtbar, da wir unser Ergriffensein vom "Transrationalen" (welches das rational Erkennbare überschreitet, aber nicht zerbricht), nämlich vom "Mysterium" (Geheimnis) der Wirklichkeit, nicht bloß in abstrakter Begrifflichkeit aussagen können. Doch ist mit dem Begriff "Mythos" als solchem vorsichtig umzugehen, da er im allgemeinen Sprachgebrauch recht missverständlich verwendet wird. Er wird einerseits negativ gebraucht. Danach sind "Mythen" bloße Erfindungen und Fantasiegebilde, welche die Wirklichkeit verzerren und einzelne Personen über Gebühr überhöhen. Andererseits wird er positiv gebraucht. Danach sind "Mythen" etwas Staunen Erregendes, "Legendäres". Beide Verwendungsweisen können auch ineinandergehen.
Diesen verworrenen Sprachgebrauch im Blick, kommt Religion ohne Mythen im weiteren Sinn nicht aus. "Entmythologisierung" bedeutet dann dreierlei: Erstens sind die biblischen Mythen, die in ein "mythologisches", von einem überholten Weltbild bestimmtes Gewand eingekleidet sind, mit Bultmann auf ihren auch ohne dieses Gewand auszusagenden Gehalt zu befragen. Zweitens sind religiöse Mythen wie alle konkrete religiöse Sprache symbolisch-gleichnishaft gemeint und insofern in ihrem Reden von Gott eben als Mythen und nicht wortwörtlich (literalistisch) zu verstehen (so Paul Tillich). Drittens ist ein Mythos, also eine Orientierungsgeschichte, durch andere derartige Orientierungsgeschichten zu illustrieren oder zu deuten. Solche religiösen Orientierungsgeschichten sind heute etwa die amerikanische Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King, der Widerstand im Dritten Reich mit Dietrich Bonhoeffer, die Lehre der "Ehrfurcht vor dem Leben" und der Aufbau von Lambarene mit Albert Schweitzer. Freilich brauchen wir für alle solche Orientierungsgeschichten ein Wahrheitskriterium, um nicht der Beliebigkeit zu verfallen, und dieser Maßstab ist für Christen "der Geist Jesu".
In der von Pfarrerin Dr. Erika Godel moderierten Schlussrunde wurde als ein bleibendes Verdienst Bultmanns bezeichnet, dass er immer die Wahrheitsfrage hochgehalten hat. Dieses Anliegen ist gerade in einer "postmodernen" Atmosphäre unverzichtbar, in der die Wahrheitsfrage häufig als angeblich "intolerant" schlecht gemacht und übergangen wird.


Dorothea Zager